Der Nachfolger von Harry Potter ­– nicht!

von Theresa Pausenberger (20. Juli 2019)


 

Die Spiegelreisende von Christelle Dabos wurde in den letzten Wochen als "Nachfolger von Harry Potter" gehyped. Da in einer Woche der zweite Teil herauskommt, finde ich es nur gerecht, euch zu sagen, warum ich das nicht so sehe.

Die Welt der Hauptperson Ophelia ist in 21 "Archen" unterteilt – Inseln, die im Nichts schweben und die jeweils von einem Familiengeist beherrscht werden. Das Mädchen lebt auf der Arche Anima, wo diese Geschichte beginnt, und kann Gegenstände "lesen" -bei einer Berührung von Ophelia offenbart sich die Vergangenheit des Gegenstands- sowie durch Spiegel gehen.

Diese Fähigkeit nutzt sie, da sie sich gerne im Museum ihres Großonkels versteckt. So verbringt sie relativ friedfertig ihr Leben und scheut sich meist vor großen Veranstaltungen. Doch ihr Dasein als Mauerblümchen hat ein rasches Ende, als sie an den Adligen Thorn von der Arche Pol zwangsverheiratet wird und mit ihrer Patentante dorthin reist. Zuerst: Es ist eine wunderschöne Welt, die von der Autorin erschaffen wurde. Aber das war es auch schon. 

Ophelia ist eine so schwach gezeichnete Frauenfigur, die alles immer dahinhaucht und nie ihre Meinung sagt, auch nicht bei weiblichen Figuren. Ihre Fähigkeiten, durch Spiegel zu gehen oder Gegenstände zu lesen, waren bis zum Ende sinnlos für die ganze Geschichte und sollten nur unterstreichen, warum gerade sie als Hauptfigur auserkoren wurde. Ihre anderen Charakterzüge sind leider so schwach ausgeprägt, dass man Ophelia gerne durchgeschüttelt hätte.

Auch Thorn wurde so sehr in die Rolle des Bad Boys gepresst, dass es wehtat. (Wortwörtlich, denn allein von der körperlichen Statur her hat Christelle Dabos Thorn als Riese und Ophelia als zarte Fee gezeichnet, wie sollte das denn ohne Schmerzen gehen?). Gegen Mitte des Buches entwickelte Thorn dann wie aus dem Nichts Gefühle für Ophelia, ohne auch nur je Zeit mit ihr verbracht zu haben oder andere gemeinsame Interessen mit ihr zu teilen. Von den anderen manipulativen und narzisstischen Personen in Ophelias Umfeld darf ich gar nicht erst anfangen.

Am Hof der Arche Pol wimmelt es zwar nur so von politischen Verstrickungen, aber das, so schien es mir, ohne wirkliches Ziel. Höchstens um zu zeigen, was für ein armes Würmchen Ophelia doch sei, da sie sich selbst nach Misshandlungen und Morddrohungen nicht wehrt.  

Wie man eine solch devote Frauenfigur im Jahre 2019, 100 Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts und mit der jetzigen feministischen Bewegung, noch verkaufen kann, ist mir ein Rätsel. Man kann sich überhaupt nicht mit ihr identifizieren, dabei hätte es so viele interessante Themen gegeben. Alles in allem war es das erste Buch dieses Jahr, von dem ich wirklich enttäuscht war.

 

Christelle Dabos
Die Spiegelreisende: Band 1 - Die Verlobten des Winters
Aus dem Französischen von Amelie Thoma
Insel Verlag 2019
18,00 Euro