Von Menschen und Wölfen

von Hannah Deininger (15. September 2019)




Wie sehr kann man jemanden vermissen? Wie sehr schmerzt ein Verlust? Mit den Antworten auf diese Fragen muss sich die 14-jährige June Elbus gezwungenermaßen auseinandersetzen, als ihr bester Freund und Onkel Finn an AIDS verstirbt. Erzählt wird diese Geschichte von Carol Rifka Brunt in ihrem ersten Roman Sag den Wölfen, ich bin zu Hause. Die Protagonistin June ist ein besonderes, ein verträumtes Mädchen. Die meiste Zeit verbringt sie im Wald hinter der Schule und stellt sich vor, sie wäre im Mittelalter, ihrer liebsten Epoche, und erlebe spannende Abenteuer.

Verstehen kann sie allein ihr Onkel Finn, zu dem sie eine sehr innige Beziehung hat. Als Finn stirbt, wird June der Boden unter den Füßen weggerissen. Doch dann taucht Toby auf – ein junger Mann, der Finn genauso sehr zu vermissen scheint wie June. Langsam entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden. Gegenseitig geben sie sich Halt in ihrer Trauer um Finn. Gleichzeitig wird die bisher brave June immer rebellischer – unter anderem weil ihre Eltern eigentlich keinen Kontakt zu Toby wünschen.

How to survive

Einfühlsam beschreibt die Autorin die Versuche von June und ihrer Familie, mit dem Verlust von Finn umzugehen. Hauptsächlich wird natürlich das Innenleben der Ich-Erzählerin June beschrieben. Aber auch die Mutter, die ihren Bruder verloren hat und nicht damit umzugehen weiß, dass ihre Tochter nun so sehr trauert, obwohl sie doch eigentlich die Schwester ist, wird thematisiert. Ebenso wie Junes ältere Schwester Greta, die unnahbar und gemein wirkt, aber dahinter wohl nur ihre Unsicherheit und ein tiefes Verloren-Sein verbirgt. Und zuletzt der Vater, der in einem Konflikt zwischen seiner Frau und ihrem Bruder zwar auf der Seite seiner Frau stand, aber Finn dennoch immer geschätzt hat.

Dieser Roman ist ein rundum gelungenes Erstlingswerk. Der Stil ist treffend und dennoch langsam und zurückhaltend, wie die Hauptperson June selbst. Die Weiterentwicklung der Protagonistin, die zunächst mit dem Tod des geliebten Onkels kämpft, daran aber wachsen und reifen kann, ist sehr authentisch beschrieben. Ein weiteres Plus ist die Beleuchtung der Beziehungsentwicklungen zwischen June und den einzelnen Familienmitgliedern. Detailliert beschreibt die Autorin zum Beispiel die Beziehung der Schwestern, die zwischen starker Vertrautheit und gegenseitigen Gemeinheiten schwankt. Am Ende hat June gelernt, ohne Finn weiterzuleben und beweist eine Stärke, die man ihr anfangs nicht zugetraut hätte. Bleibt das Niveau so hoch, kann man sich nur auf die folgenden Romane von Carol Rifka Brunt freuen.

 

Carol Rifka Brunt
Sag den Wölfen, ich bin zu Hause
Eisele Verlag 2019
473 Seiten
12,00 Euro