Und täglich grüßt der Mörder

von Anna Brodmann (11. November 2019)

 

In Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle von Stuart Turton bekommt das altehrwürdige Erfolgsrezept des englischen Krimis einen neuen Twist und überrascht mit ungeahnten Geschmacksnoten. Der Protagonist und unfreiwillige Ermittler des Krimis erlebt den Tag des Mordes immer wieder neu – allerdings jedes Mal aus der Perspektive eines anderen Beteiligten. Dabei muss er sich immer wieder durch ein wundervoll ausgearbeitetes Beziehungsgewirr kämpfen und ist gezwungen, den Tag des Maskenballs im englischen Herrenhaus mit ganz anderen Augen anzusehen.

In dieser kurzen Beschreibung zeigt sich bereits die große Stärke des Krimis: Der erfrischende Twist des sich wiederholenden Tages gibt der Geschichte einen ganz eigenen Charme und zeigt, dass ein einziges Leben nicht ausreicht, um auch nur den Bruchteil der Geschehnisse und Hintergründe zu erfassen. Zusätzlich tragen die wundervoll ausgearbeiteten Charaktere und ihre komplexen Beziehungen zueinander erheblich zum Lesegenuss bei.

Im klassischen und Herrenhaus-Setting, dessen Fassade im Verlauf des Buches (im wahrsten Sinne des Wortes) immer mehr bröckelt, versammelt sich ein Teil der britischen Oberschicht und Turton ist es meisterhaft gelungen, die vergiftete Atmosphäre, den gegenseitigen Hass und den Standesdünkel dieser Gruppe einzufangen. Vertrauen ist ein teures Gut auf dem Anwesen der Hardcastles und spätestens nach dem dritten Durchlauf des Tages beginnt der Leser vollständig zu verstehen, wie stark die eigene Wahrnehmung von den jeweiligen Umständen bestimmt wird. Was am ersten Tag ungerecht war, wird nachvollziehbar, Wahnsinn wird zu Rationalität und die ganze Ambivalenz der Charaktere kommt zum Vorschein. Es ist eine beeindruckende Leistung, dass am Ende des Tages jede Figur und jede Handlung sowohl gut als auch schlecht ist und die Grenze zwischen Held und Bösewicht, Mörder und Opfer sich auflösen.

Über all diesen Entdeckungen schwebt dabei immer die zentrale Frage des Krimis: Wer bin ich? Die Identität des Mörders aufzudecken ist zwar das handlungsleitende Motiv, doch schon relativ bald stellt man fest, dass die Frage nach der eigenen Identität mindestens genauso spannend ist. Durch die Perspektivwechsel verändern sich die Beziehungen zu den Figuren radikal und man kommt nicht darum, sich zu fragen, was die eigenen Handlungen über den Charakter aussagen. Denn wer bestimmt, wer ich bin, wenn ich jeden Tag jemand anderes bin?

Während man beim Lesen immer mehr in die Auseinandersetzung mit diesen Fragen hineingezogen wird, kommt das eigentliche Kerngeschäft des Krimis auch nicht zu kurz. Zwar gerät die Suche nach dem Mörder stellenweise in Vergessenheit, doch ihr Ende ist dann umso spektakulärer. Selten habe ich eine so komplexe, vielschichtige und gut durchdachte Auflösung eines Mordes gesehen und die Kreativität hinter dem Mord ist durchaus beeindruckend. Aber leider hat das Buch an dieser Stelle seine Möglichkeiten nicht ausgenutzt. Im entscheidenden Moment fehlen zwei Seiten ganz ausführlicher Erklärung der Zusammenhänge - allerdings nicht, weil die Auflösung unverständlich ist. Viel mehr will man noch viel tiefer in die Welt eintauchen und sehnt sich nach mehr Informationen, um sich das große Ganze besser vorstellen zu können. Doch leider bietet das Ende dafür zu wenige Anhaltspunkte und es wird der Phantasie des Lesers überlassen, sich einen Rahmen für die Geschehnisse zu überlegen.

Dennoch ist Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle ein wundervoller und innovativer englischer Krimi, der sowohl Agatha-Christie-Junkies als auch Neulingen nur wärmstens empfohlen werden kann.

 

Stuart Turton
Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle
Aus dem Englischen von Dorothee Merkel (Orig.: The Seven Deaths of Evelyn Hardcastle)
Klett-Cotta 2. Druckaufl. 2019
605 Seiten
24,00 Euro