Mit Survival-Kit gegen Mobbing

von Jasmin Wieland (09. Februar 2020)

Ein Thema, über das nicht gerne gesprochen wird: Mobbing. Vincent ist elf Jahre alt und hat Angst. Jeden Morgen bekommt er Bauchweh, wenn er zur Schule geht. Immer wartet er, bis alle Schüler im Gebäude sind und rennt dann rein. Er kommt zu spät, aber das macht nichts, das sind die Lehrer schon gewohnt, besser als von den Mitschülern verprügelt zu werden. Das passiert meistens nach der Schule. Er rennt zwar als erstes aus dem Klassenzimmer, doch sie holen ihn ein und dann wird er getreten, sein Gesicht zerkratzt, ausgelacht oder seine Sachen werden zerstört. Enne Koens gibt uns in ihrem Kinderbuch Ich bin Vincent und ich habe keine Angst ab 8 Jahren Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt eines vom Mobbing in der Schule betroffenen Jungen und zeigt  dabei die ganze Facette an Gefühlen: Angst, Scham, Trauer, Minderwertigkeitsgefühle. Doch Koens zeigt auch, dass es einen Ausweg gibt, und manchmal kommt von irgendwo unverhofft ein Retter herbei, sodass das Schicksal doch noch eine glückliche Wendung nimmt.

"Es ist dunkel". So beginnt die Geschichte. Und auf den ersten drei Seiten wird uns sofort bewusst, was hier los ist. Weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund und zwei Augen, die uns anstarren – eine illustrative Farbwahl bzw. ein Mittel, das sich gerade im Kinderbuch wunderbar einsetzen lässt und sehr gut gewählt ist. Wo sind wir? Im Wald. Wer sind wir? Vincent, elf Jahre, geht in die fünfte Klasse. Und: Vincent wird verfolgt. Beziehungsweise, das wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass Vincent auf der Flucht ist. Und was ihm Mut macht, sind Selbstgespräche und natürlich sein Wissen übers Überleben in der Natur, denn dazu hat er ein Buch gelesen.

Und dann beginnt die eigentliche Geschichte, erzählerisch als Countdown realisiert, bis hin zu eben dieser Szene im Wald. Sieben Tage bis zur Klassenfahrt und sieben Tage, in denen Vincents Vorbereitungen auf Hochtouren laufen, allem voran die Perfektionierung seines Survival-Kits. Dabei verschränkt Koens die Thematiken Survial und Mobbing gekonnt miteinander, denn ist man von Mobbing betroffen, so geht es ja irgendwie auch ums Überleben. Raus aus der Abwärtsspirale. Raus aus dem Tunnel. Den Blick nach vorne. Immer nach vorne. Egal, was passiert ist, ein Zurück gibt es nicht. Und gleichzeitig, wie beim Survival, ist es auch ein Ringen mit sich selbst. Das Fokussieren auf das Wesentliche, das elementar Wichtige – eine von Koens perfekte Analogie, bei der latent auch der Natur an sich eine entscheidende Bedeutung zukommt, so als möchte Koens sagen: Wenn es dir zu eng wird, dann geh raus. Fühl dich frei und atme ein. (Womit sie natürlich auch irgendwie den Puls der Zeit trifft.)

Das macht Vincent und dabei ist er nie alleine, denn in seinem Kopf sind das Fohlen, das Eichhörnchen und der Wurm immer mit dabei und melden sich mit Ratschlägen zu Wort. Auch hier tobt sich Koens kreativ aus, denn sie zeigt mit diesem spielerischen, kindlichen Element, wie viele Stimmen da eigentlich in uns wohnen und was es alles abzuwägen gilt – manche, die uns verunsichern, manche die uns stärken – aber vor allem, dass es gar nicht so einfach ist, dabei einen kühlen Kopf zu bewahren.

Genauso spielerisch sind auch die Illustrationen von Maartje Kuiper. Die Farbwahl – ein helles Tannengrün – passt hervorragend zur Thematik und die immer wiederkehrenden Illustrationen von Ästen, Blättern, Blumen, Vögeln, Insekten & Co. bilden eine harmonische Waldatmosphäre, die den Leser das ganze Buch über in den Bann zieht. Durch diese niedliche, liebevolle Illustrationsweise wird so manch schmerzhaftes oder trauriges Mitgefühl, das beim Lesen aufkommt, gemildert und zeigt auf: So schlimm ist die Welt auch wieder nicht. Schau sie dir doch an, all die Formen, wie weich und harmonisch sie sind.

Und so nimmt das Schicksal auch für Vincent eine glückliche Wendung, denn in seine Klasse kommt ein neues Mädchen, die Jacke. Und die Jacke findet Vincent sympathisch. Er fasziniert sie, eben durch sein Anderssein in Bezug auf seine Begeisterung für Survival-Trips. Auch wenn Vincent am Anfang verunsichert ist, ob sie nun sowas wie eine Freundin ist, weil er Angst hat, dass auch sie sich gegen ihn wenden und sich zu den anderen Jungs in seiner Klassen stellen wird, schweißen sich die beiden als Duo doch immer mehr zusammen. Es findet den Höhepunkt darin, dass sie während der Klassenfahrt tatsächlich zusammen auf einen Survival-Trip gehen, auch wenn dies natürlich bei Vincent eine Flucht ist. Nichtsdestotrotz, die Jacke überzeugt Vincent zu reden, endlich alles zu erzählen und nicht länger zu schweigen – denn sie hat Gleiches erlebt und weiß daher, wie Vincent sich fühlt.

Survival hin oder her. Der wahre Ausweg, so mag vielleicht Koens Botschaft sein, worauf es wirklich ankommt, ist, dass es Personen gibt, die zu einem halten und die einem den Rücken stärken, weil sie an einen glauben. Und da reicht manchmal auch eine einzige Person.

Fazit: Ich bin Vincent und ich habe keine Angst ist ein großartiges Kinderbuch! Enne Koens nimmt uns mit ihrer einfachen, aber spielerischen Sprache und den liebevollen im Text verstrickten Tierfiguren, die uns die Natur greifbar machen, mit in Vincents Gefühl- und Gedankenwelt. Der Countdown läuft und die Spannung steigt und so werden auch wir immer neugieriger und hibbeliger, was die Survival-Planung der Klassenfahrt angeht. Es geht ums Überleben! Eine Analogie, die den Bogen spannt zum Thema Mobbing. Perfekt gewählt und von Martje Kuiper illustrativ wunderbar umgesetzt. Auf geht’s in den Wald!

Enne Koens
Illustriert von Martje Kuiper
Ich bin Vincent und ich habe keine Angst
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Gerstenberg 2019
192 Seiten
15,00 Euro