Betriebsanleitung für Deutschland

 

von Anne Schumacher (15. Oktober 2010)

 

„In einem Literaturhaus zu lesen ist, wie einen Autoreifen zu ficken.“ Benjamin von Stuckrad-Barre zieht es vielmehr ins wahre Leben: Wahlkampf, Streik, Demonstrationen, Konsum, Fußball, Kino, Mode, Politik, Gesellschaft. Mit seinen Reportagen, Erzählungen, Porträts und Gesprächen zeichnet er ein Sittengemälde der deutschen Medien-, Staats- und Gesellschaftslandschaft mit teils nichts aussagenden, teils gekonnten Pinselzügen.

 

Er beobachtet und wartet ab. Er liegt auf der Hut wie ein Jäger und hofft nur darauf, dass bei inszenierten Terminen, wenn beispielsweise die Kanzlerin ins Weltall telefoniert, etwas Außergewöhnliches passiert. Er will Zeuge sein bei der Entfaltung des alltäglichen Irrsinns. Er wirft einen Blick auf die Fassade und starrt diese bis zum Zusammenbruch an. Bei dieser teilnehmenden Beobachtung entdeckt Stuckrad-Barre Momente der Wahrheit und der Peinlichkeit inmitten von Vorgängen, die genau diese verschleiern sollen. „Wer unsere Republik im neuen Millennium begreifen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei“, liest man auf einem roten Sticker mitten auf dem Buchdeckel die Worte eines SPIEGEL Kritikers. Das ist der Blick eines einstig gefeierten Popsternchens am Literaturhimmel auf unsere Gegenwart. Eine Ansammlung dieser Ansichten auf unsere Welt ist Anfang des Jahres bei Kiepenheuer & Witsch mit dem Titel Auch Deutsche unter den Opfern erschienen.

 

Auch wenn diese Geschichten eher ermüdend als erheiternd und aufdeckend geschildert werden, manchmal spricht der literarische Poptitan einem aus dem Herzen und lässt inszenierte Veranstaltungen in einem ungewöhnlichen Licht erstrahlen und dabei gelegentlich auffliegen. Günter Grass ist zu Besuch in Göttingen und will aus seinem Tagebuch von 1990 vorlesen. Der Altmeister genehmigt sich dazu ein Glas Rotwein und verschüttet es doch prompt. „Ein etwas feuchter Anfang“, entkommt es ihm. Lustig. So etwas passiert nicht alle Tage. Aber ist das etwas, was Sitten bzw. Unsitten unserer Gesellschaft aufdeckt? Günter Grass hat ein Glas Rotwein über sein Tagebuch vergossen und in China ist der altehrwürdige Sack Reis umgefallen. Naja. Am Ende fragt sich der rasende Reporter Stuckrad-Barre dann doch etwas, das sich die deutsche Upperclass schon hätte langst fragen sollen: „Spricht hier eigentlich ein Altkanzler oder ein Schriftsteller?“ Recht hat er.

 

Sein Pläuschchen mit dem „besten deutschen songsingenden Geschichtenerzähler“ Udo Lindenberg ist recht amüsant zu lesen, sein Wort zum Sonntag über das deutsche Fernsehen bieten einem keine neuen Erkenntnisse und seine Schifffahrt mit Frau Merkel lässt einen schmunzeln und man ist überrascht, dass er Frau Merkel nach der Qualität ihrer Thüringer Wurst fragt. Gelungene Einstiegsfrage für die fünf Minuten, die ihm mit der mächtigen Frau zur Verfügung stehen. Dass die Deutschen gerne mal in den Reichstag gehen und die Kuppel erklimmen wollen und dafür auch noch Schlange stehen, ist für Stuckrad-Barre unverständlich. Schließlich lebt er in der Hauptstadt und kann sich den Sitz, wo Politik gemacht wird, angucken, wann immer er will.
Stuckrad-Barre gelingt es in seinen Beobachtungen, dem Medienzynismus in Deutschland auf die Schliche zu kommen. Mit Auch Deutsche unter den Opfern setzt er die Reihe um Remix, Deutsches Theater und Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft fort. Ein Buch, dass jemandem, der das tägliche mediale, politische und gesellschaftliche Geschehen mit kritischem Blick betrachtet, keine neuen, aufschlussreichen oder gar erweckenden Erkenntnisse bietet.

 

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Auch Deutsche unter den Opfern
Benjamin von Stuckrad-Barre
Kiepenheuer & Witsch 2010
334 Seiten, 14,95 Euro