Eine Wolke in Hosen

von Celine Buschbeck (10. März 2020)


Die Journalistin Sophie Calle findet ein herrenloses Adressbuch. Sie schickt es anonym an den rechtmäßigen Besitzer zurück, erlaubt sich jedoch, vorher alle Seiten inklusive der Namen und Adressen zu kopieren. So beginnen ihre Gespräche über Pierre D., den Besitzer, den sie dabei nie zu Gesicht bekommt. Denn Sophie Calle trifft sich mit den Menschen aus dem Adressbuch und lernt sie durch Interviews kennen. Über diese Gespräche kommt sie auch Pierre D. näher und erfährt so einiges von ihm und seinem Leben, obwohl kein reales Kennenlernen zustande kommt. Ein Tabubruch?

Der Schreibstil der Autorin gleicht dem einer Journalistin – kurz, beschreibend und auf den Punkt gebracht. Dabei ähneln ihre Niederschriften Gedächtnisprotokollen, die neben der Zeit und den Namen festgehalten wurden. So gibt es keine aufgeblähten Ausschweifungen, sondern nur wenige Details über die handelnden Personen. Die einzige Person, die ausführlich beschrieben wird, ist Pierre D., der Besitzer des Adressbuchs. Seine Freunde, Bekannten und Affären sprechen über sein beinahe einzigartiges und widersprüchliches Wesen. Dabei wird der Leser mit jedem Interview, das Sophie übers Telefon oder Auge in Auge führt, in das Innenleben eines Fremden geführt. Zunehmend erhält man als Leser/in dadurch das Gefühl, man wäre an ihrer Seite und lerne Pierre ebenfalls kennen. Seine Jugend, seine Zeit bei einer Zeitung, seine politischen Aktivitäten, seine Urlaube – einfach alles. Kein Wunder, dass die Autorin von ihrer "gemeinsamen" Geschichte spricht und dabei in die tiefste Privatsphäre des Mannes eintritt.

Gleichzeitig stößt man als Leser auf das Thema "Stalking". Man befindet sich in einem Dilemma: Einerseits hat man fast schon ein schlechtes Gewissen, andererseits will man immer mehr über Pierre erfahren. So nimmt man es in Kauf, dass Sophie seine Wohnung aufsucht, zu dem Landhaus seiner Tante fährt oder seine Affären und Freunde über sein Liebesleben ausfragt. Das Überraschende: Meist geben diese Personen bereitwillig Auskunft und erzählen der Journalistin Details über Pierre, die er wohl lieber nicht der Öffentlichkeit preisgeben würde. Nun nimmt ihm Sophie Calle die Entscheidung ab und veröffentlicht in einer französischen Tageszeitung ihre Einsichten. So kommt heraus, dass er ein kreativer Eigenbrötler ist, der mit vielen Selbstzweifeln zu kämpfen hat und sein Lebenswerk, einen eigenen gedrehten Film, immer wieder hinausschiebt. Er fragt nach der Meinung zu seinen Ideen und verwirft sie doch wieder. Er meldet sich selten bis gar nicht mehr bei vielen seiner Bekannten, ohne dass irgendetwas vorgefallen ist. Und er kann zeitweise eine cholerische "Wolke in Hosen" sein.

Das Adressbuch beruht auf einer wahren Begebenheit, die sich bereits in den 1980er Jahren in Frankreich abspielte und nach der Veröffentlichung als Serie namens L'Homme au carnet in der Tageszeitung Libération einen großen Skandal verursachte. Sophie Calle machte sie berühmt. Die Künstlerin beschäftigte sich viel mit dem Leben anderer Menschen und dem Bruch der Privatsphäre. So lud sie unter anderem 45 Menschen ein, in ihrem Bett zu schlafen, um dann die Fotostrecke "Die Schläfer" zu schießen. Später durchwühlte sie kurzzeitig als Zimmermädchen die Sachen von Hotelgästen und drang über ihre Nachforschungen in das intimste Privatleben ein.  Viele stellten sich daraufhin die Frage, ab welchem Punkt man in der Kunst die Grenze ziehen sollte. Wie weit darf man für ein Projekt gehen und welche Persönlichkeitsrechte hat "der Gegenstand"? Dürfen Künstler wirklich alles im Zeichen der individuellen Schöpfung tun?

Pierre D. rächte sich im Übrigen in gleicher Weise an der Journalistin, Künstlerin und Fotografin. Er beschaffte sich laut Nachwort eine Nacktfotografie von Sophie Calle und veröffentlichte diese mit seiner Unterschrift. So wurde ihre "gemeinsame" Geschichte beendet. Die Beiden trafen sich nie.  

Fazit: Das Adressbuch von Sophie Calle ist eine kurze, aber starke Lektüre, auf die man noch öfter zurückgreifen wird. Neben den ästhetischen Bildern, die einzelne Einträge voneinander abgrenzen, kann man sich diese Konzeptkunst immer wieder vor Augen führen. Egal, wie kritisch man sie betrachten mag.

Sophie Calle
Das Adressbuch
Bibliothek Suhrkamp
105 Seiten
22,00 Euro