Wer ist Gott? Wer ist der Andere?

von Paula Heidenfelder (11. März 2020)


Der dritte Teil der Spiegelreisenden-Saga, Das Gedächtnis von Babel von Christelle Dabos, setzt drei Jahre nach dem Vorgängerband Die Verschwundenen vom Mondscheinpalast an. Die Protagonistin Ophelia musste ohne ihren Ehemann Thorn auf ihre ehemalige Heimatarche Anima zurückkehren. Sie begibt sich jedoch in diesem Band auf die Suche nach ihm und wird durch eine Windrose auf die Arche Babel transportiert, auf der die weitere Handlung spielt. Hier gerät sie in tückische Situationen, sucht Antworten auf die Fragen nach Gott und steht außerdem den Gefahren des Anderen gegenüber.

Nach einer kurzen Einführung in ihren täglichen Alltag, den Ophelia fast drei Jahre lang ohne Thorn verbrachte, und einem schrulligen Uhrenfest auf der Heimatarche Anima, tritt Ophelia gleich zu Beginn des Buches mit Hilfe von Archibald die Reise auf eine andere Arche an. Auf dieser hofft sie, ihren Ehemann und Antworten auf die Fragen nach Gott und den brechenden Archen zu finden. Die neu eingeführte Arche Babel wird detailreich beschrieben und ist, wie die ganze Welt, fantasievoll gestaltet. Allerdings sind deren Bewohner mehr mechanischer Art als menschlicher und das strikte Befolgen von Regeln steht auf der Tagesordnung. Ophelia begibt sich als eine der Auserwählten in den Dienst der beiden Familiengeister Helene und Pollux, um Informationen über Gott sowie "den Anderen" zu sammeln. Im Sekretarium kommt es jedoch bald zu einem Todesfall, der nicht der einzige Angriff bleibt, und alles scheint mit der dringenden Frage nach Gott zusammenzuhängen. Diese Frage und das (Un-)Wissen über vergangene Zeiten stehen im Vordergrund, genauso Ophelias Part in der Befreiung des Anderen und das Wissen der Bücher über die Geschichte der Archen und Familiengeister.

Mit Skurrilitäten, Intrigen und falschen Identitäten wird die Handlung vorangetrieben, wobei spannende Stellen hintereinander gereiht sind und besser verteilt hätten werden können. Im Gegensatz dazu sind manche Szenen – vor allem in der ersten Hälfte – langatmig zu lesen. Auch ist die Suche nach Thorn erstmal Nebensache, obwohl Ophelia fast drei Jahre nach Hinweisen für dessen Verbleib gesucht hat. Dieser kommt erst im letzten Viertel des Buches vor, was etwas schade ist, da er der einzige zu sein scheint, der Ophelia zum Handeln bewegt. Ophelia lässt sich in diesem Band von vielen Nebencharakteren herumschubsen und vermasselt durch ihre eigene Tollpatschigkeit die ein oder andere Situation. Was sich für manche vielleicht lustig liest, empfinde ich als nervenaufreibend, denn die Szenen lassen Ophelia wie ein naives und unselbstständiges Kind wirken.

Dies wird das Zeitalter der Wunder sein

Der Schreibstil ist – wie in den vorherigen beiden Bänden – auf kreative Art gemeistert worden und ermöglicht den LeserInnen durch detailreiche Beschreibungen und das Einfangen von Eindrücken das Eintauchen in eine andere Welt. Das Cover ist wieder fantastisch gestaltet und auch die Details von poetischen Zitaten und Kapitelüberschriften verschönern das gesamte Werk. Mit Lesezeichen und einer Postkarte zum Folgeband nimmt es die netten Extras der zwei Vorgänger wieder auf.

Der dritte Teil der Spiegelreisenden-Saga ist trotzdem für mich bisher der schwächste Teil und am anstrengendsten zu lesen. Ich finde die kreativen Elemente (mit verschiedenen Archen, mythologischen Figuren und verschiedensten Typen von Mensch und Maschine) großartig und der unterschiedlich personalisierte Schreibstil und die Erzählart der kompletten Reihe erfrischend. In diesem Teil hat mir jedoch die Protagonistin Ophelia an manchen Stellen die Lust am Weiterlesen genommen und ich hoffe, dass sich dies im vierten Band wieder ändert.

 

Christelle Dabos
Die Spiegelreisende - Das Gedächtnis von Babel
Aus dem Französischen von Amelie Thoma
Insel Verlag 2019
520 Seiten
18,00 Euro