Ein Krankenhaus in Zeiten des Krieges

von Ines Reckziegel (11. März 2020)


Berlin, Anfang des 20. Jahrhunderts. Frauen sind noch viele Rechte verwehrt – dazu gehört auch das Medizinstudium an der Universität der Hauptstadt. Doch ein fortschrittlicher Arzt der Inneren Medizin stellt Rahel Hirsch aus Frankfurt als eine der ersten Ärztinnen an der Charité an. Eine Entscheidung, die von vielen Kollegen nicht gern gesehen ist. Mit viel Blut und Schweiß versucht sich Rahel in der Männerdomäne zu behaupten und bekommt Unterstützung von ungeahnter Seite. Auch die Liebe schleicht sich langsam in ihr Leben, als sie nach Jahren einen ehemaligen Patienten, einen Piloten, zufällig auf der Straße trifft.

Während Rahel sich viele Dinge an der Charité erkämpfen muss, die für ihre männlichen Kollegen selbstverständlich sind, schuftet Barbara, die zweite Protagonistin, von früh bis spät in der Wäscherei des Krankenhauses, um ihren Teil der Miete zu verdienen. Zusammen mit ihrer Tante und ihrem Cousin wohnt die junge Frau in einem der Armenviertel von Berlin. Tagein, tagaus muss sie mit ansehen und am eigenen Leib erfahren, dass Männer Frauen wie ihren Besitz behandeln. Sie schließt sich der Frauenbewegung an, was ihr einigen Ärger einbringt.
Obwohl Barbara und Rahel grundverschieden sind, freunden sich die beiden an und begleiten einander durch heitere und schwere Zeiten. Ihre Freundschaft gibt beiden Kraft, die eigenen Ziele zu verfolgen und als Deutschland langsam, aber sicher auf einen Krieg zusteuert auch den nötigen Halt, um die schwere Zeit zu überstehen.

Die Charité – Aufbruch und Entscheidung von Ulrike Schweikert ist der zweite Teil einer Romanreihe über das berühmte Krankenhaus in Berlin. Während der erste Teil, Hoffnung und Schicksal, noch etwas länger hätte sein dürfen, überwiegen dieses Mal die zähen Passagen und ich musste mich immer wieder zum Weiterlesen zwingen, da einfach oft und viel über medizinische Entdeckungen und Behandlungen gesprochen wird. Das dämpft das Lesevergnügen leider enorm.
Ulrike Schweikert ist es aber dennoch erneut gelungen, realistische Charaktere zu erschaffen, denn die beiden Protagonistinnen sind ausgereift und liebenswert. Ihre Freude und ihren Schmerz erlebt man als Leser hautnah mit. Genau wie im ersten Teil liegt auch in Aufbruch und Entscheidung der Fokus auf den Frauen und ihren Errungenschaften. Diese Szenen sind wieder geglückt. Beeindruckt hat mich die Sorgfalt, mit der die Autorin ihre Recherche betrieben hat und die deutlich zwischen den Seiten zu spüren ist. Rahel Hirsch zum Beispiel war tatsächlich eine jüdische Ärztin in Berlin, die sich später nicht nur mit der Diskriminierung als Frau, sondern auch als Jüdin konfrontiert sah, als die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht kamen. Das Leben an der Charité wird eindrucksvoll beschrieben und für medizininteressierte Leser sind bestimmt auch die Einzelheiten der Behandlungsverfahren und Forschungen interessant. Im Großen und Ganzen liest sich der zweite Teil von Ulrike Schweikert spannend und es ist ein schöner Roman für zwischendurch – nur leider mit einigen Durststrecken.

 

Ulrike Schweikert
Die Charité – Aufbruch und Entscheidung
Rowohlt 2019
544 Seiten
14,99 Euro