Zum Töten geschaffen?

von Alicia Fuchs (11. März 2020)

"Musikinstrumente werden gebaut, um unterschiedliche Töne zu erzeugen. Feuerzeuge sind dafür da, um augenblicklich eine Flamme zu erzeugen. Waffen wurden erfunden, um mühelos Menschen zu töten […] und die Vorstellung, auf jemanden zu schießen, war eine logische Folge davon. Doch bevor ich es wirklich tat, musste ich mich bewusst entscheiden: Soll ich? Soll ich nicht?"

Als der Student Nishikawa in den Straßen Tokios eine Leiche findet, neben der ein Revolver liegt, zögert er nicht lange: Er nimmt die Waffe an sich und verschwindet. Im Besitz des Revolvers verändert sich der junge Mann, denn er glaubt, dass sein bis dahin für ihn bedeutungsloses Leben nun endlich einen Sinn gefunden hat. Nach und nach entwickelt Nishikawa eine Obsession und bald genügt es ihm nicht mehr, den Revolver nur zu besitzen: Alles in ihm schreit danach, ihn auch zu benutzen.

Die Geschichte, die Der Revolver von Nakamura Fuminori erzählt, begleitet den Studenten Nishikawa durch seinen Alltag, der hauptsächlich daraus besteht, rauchend durch Tokio zu streifen, sich einen Kaffee nach dem anderen vom Automaten um die Ecke zu holen und sich mit Frauen zu treffen, die ihn sowieso nicht zu interessieren scheinen. Im Mittelpunkt der Handlung steht Nishikawas Beziehung zum Revolver und wie dieser ihn mit der Zeit einnimmt. Der Plot verläuft relativ einsträngig und man bekommt als Leser hauptsächlich die Gedanken des Protagonisten mit, jedoch erfährt man nicht besonders viel von seiner Umwelt oder denjenigen, die dazugehören. Was man von den wenigen Nebenfiguren erfährt, beschränkt sich auf ein Minimum. Nur Nishikawa selbst ist so ausgearbeitet, dass er mehr wie ein Mensch und nicht wie eine grob skizzierte Figur wirkt. Für den Aufbau des Romans ergibt diese Konstellation aber durchaus Sinn, da der Protagonist sich vorrangig um sich selbst kümmert und sich kaum für seine Mitmenschen interessiert. Im Vergleich zu dem immer wieder detailverliebt beschriebenen Revolver scheint das sonst so bunte Tokio nur eine graue Kulisse hinter einem Nebelschleier aus Ignoranz zu sein.

Von der Macht der Machtlosigkeit

Was langweilig zu lesen sein könnte, ist bei Fuminori Nakamura allerdings gegenteilig der Fall. Die Konzentration der Erzählung auf die Waffe fasziniert und verstört zugleich – vor allem durch die Intensität, mit der die Hauptfigur sich in kürzester Zeit in die Abhängigkeit des Revolvers begibt. Der Autor spinnt die Gedanken des besessenen jungen Mannes so, dass sie verworren und doch nicht verwirrend sind. Es ist vielmehr so, dass die absurden Gedankengänge Nishikawas den Leser fesseln und man hat zwar eine Ahnung, wohin sich das Geschehen bewegt, kann sich bis zur letzten Seite jedoch nie sicher sein. Die Eindringlichkeit, mit der der Protagonist immer wieder die Bedeutung und die Macht des Revolvers beschreibt, der er sich bald gar nicht mehr entziehen kann, ist nicht nur verrückt, sondern vor allem beängstigend. Es ist interessant zu beobachten, wie der Student Nishikawa mit der Waffe einerseits ein ungeheures Machtgefühl gegenüber seiner Umwelt erlangt und sich dem Revolver andererseits völlig unterwirft. Autonomie und freier Wille scheinen der Hauptfigur völlig fremd zu werden, immer wieder ringt der Mann zwar mit sich, doch am Ende scheint stets die Waffe zu entscheiden, was er zu tun und zu lassen hat. So entsteht ein mehr als verqueres Machtverhältnis, von dem man sich wiederholt fragt, wie es überhaupt bestehen kann. Der Roman entwickelt auf diese Weise einen Sog, der dafür sorgt, dass man ihn so schnell nicht mehr aus der Hand legen möchte. Gleichzeitig hat man beim Lesen immer wieder das Bedürfnis, diese fiktive Welt für eine Weile zu verlassen, um sich vom Gedanken- und Gefühlschaos des einsamen Besessenen zu erholen. Der Autor hat auf 192 Seiten ein kompaktes und intensives Leseerlebnis geschaffen, das man so schnell sicher nicht vergisst. Trotz des sowieso schon geringen Umfangs wäre die Handlung allerdings auch mit der ein oder anderen Kürzung rund gewesen.

Nakamura wird inzwischen weltweit für seine Romane gefeiert. Der Revolver ist sein Debüt, das allerdings erst jetzt – später als seine nachfolgenden Werke – ins Deutsche übersetzt wurde. Dass die Geschichte sein Erstlingswerk ist, fällt nur an wenigen Stellen auf. Umso offensichtlicher ist dafür, dass der Autor mit ihr den Grundstein für eine große Karriere gelegt hat.


Der Revolver
Fuminori Nakamura
Diogenes 2019
192 Seiten
22,00 Euro