Die vergessenen Opfer von Pearl Harbour

von Anna Brodmann (11. März 2020)


Das menschliche Gedächtnis ist nicht in der Lage, sich an alles zu erinnern. Es filtert die "wichtigen", die emotionalen, bedeutsamen Momente, die unser Leben verändert haben, heraus und speichert sie ab – alles andere wird vergessen. Doch nicht nur unser individuelles Gedächtnis funktioniert nach diesem Prinzip, auch unsere kollektive Erinnerung an die Geschichte ist ähnlich organisiert. In Als der Kaiser ein Gott war erzählt Julie Otsuka die Geschichte einer vergessenen Episode aus der Geschichte. Sie zeigt uns das Schicksal der japanischen Bevölkerung in den USA nach dem Angriff auf Pearl Harbour.

Vor meiner Lektüre wusste ich wenig bis nichts über dieses im Geschichtsunterricht so gern übergangene Thema und wäre mir das Buch nicht gewichtelt worden, ich hätte es höchstwahrscheinlich nie gelesen. Mit gemischten Gefühlen und sehr viel Unwissen schlug ich daher die ersten Seiten auf und wurde schon nach wenigen Sätzen in die faszinierend-unbekannte Welt der bekannten Geschichte gezogen.

Otsuka folgt in ihrem Roman einer japanischen Familie, die, seit das Familienoberhaupt in der Nacht von Pearl Harbour von FBI-Agenten mitgenommen wurde, versucht, sich im Amerika der späten 1930er Jahre durchzuschlagen. Schnell fällt auf, dass keines der Familienmitglieder einen Namen hat – eine Auslassung, die nicht nur die Fantasie des geneigten Lesers anregt, sondern gleichzeitig illustriert, wie willkürlich die folgenden Ereignisse sind. Genauso gut hätte jede andere Familie "evakuiert" werden können, jeder andere hätte Jahre in einem eingezäunten Lager in Mitten der Wüste verbringen und in ein Zuhause, das kein Zuhause mehr ist, zurückkehren müssen. In kurzen, sehr cleanen Sätzen, die vollkommen ohne emotionale Adjektive und langwierige Beschreibungen auskommen, stellt uns die Autorin ihre Figuren auf beeindruckende Weise vor. Jede Charakterisierung und Gefühlsregung wird ausschließlich über äußere Handlungen vorgenommen. Kleine Gesten und alltägliche Handlungen bekommen so ein vollkommen neues Gewicht und ermöglichen es dem Leser, Figuren abseits der ausgetretenen Pfade ellenlanger Charakterbeschreibungen kennenzulernen. Eine sehr ungewöhnliche Vorgehensweise, die einerseits zur distanziert-kühlen japanischen Kultur passt und andererseits in ihrer schlichten, präzisen Weise Mitgefühl weckt und fesselt.

Ein neuer Blick auf ein altes Thema

Vor allem deutsche Leser dürfte die Tortur, die Otsuka beschreibt, bekannt vorkommen. Die Zustände auf der Zugfahrt und ins Lager, der Umgang mit den Gefangenen inklusiver Erkennungsnummern an der Kleidung erinnern an abgeschwächte und weniger unmenschliche Versionen der NS-Zeit. Allerdings zeigt sie neben diesen Parallelen auch ganz klar die Unterschiede auf: Der minimale Komfort eines eigenen Zimmers pro Familie, das Pflanzen von Bäumen, die Möglichkeit, als Erntehelfer zu arbeiten und in einer anderen Stadt zu leben. Auch das Thema Rassismus wird äußerst differenziert betrachtet: Einerseits ist da der allgegenwärtige Rassismus der amerikanischen gegenüber der japanischen Bevölkerung. Die sich seit Kriegsbeginn langsam aufheizende Stimmung, die Verachtung, die auch die Familie selbst irgendwann ihrer eigenen Kultur entgegenbringt und die direkte Ausgrenzung durch Unbekannte, Nachbarn und Freunde. Besonders beeindruckend war die Darstellung von Erntehelfern, die nach ihrem Einsatz ins Lager zurückkehrten. Da sind die einen, die eine kurze Kostprobe der Freiheit genießen durften und es umso schwerer ertragen, wieder eingesperrt zu sein. Aber es gibt auch die anderen, denen außerhalb des Camps nichts als Hass, Ablehnung und Schikane entgegengeschlagen sind. Hass und Rassismus sind auch in der (amerikanischen) Bevölkerung nicht gleich verteilt – ebenso wie man die Opfer von Diskriminierung nicht als homogene Masse betrachten darf, dürfen auch Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft nicht über einen Kamm geschert werden.      
Und schließlich thematisiert Als der Kaiser ein Gott war  noch eine andere Form des Rassismus: Den der Japaner gegenüber Chinesen. Julie Otsuka verdient höchsten Respekt dafür, nicht in ein einfaches Opfer-Täter-Narrativ zu verfallen, sondern die gesellschaftlichen Strukturen als annähernd so komplex darzustellen, wie sie auch in der Realität sind.

Andere Kulturen, andere Kommunikation

Doch der ungewöhnliche Stil und die durchweg differenzierte Verhandlung der Geschichte schaffen in einem Punkt auch Probleme. Die Beziehung der Familienmitglieder untereinander wirkt trotz der Perspektivwechsel durchgehend unterkühlt und ergibt für einen Leser des westlichen Kulturkreises nicht immer ein stimmiges Bild. Zwar ist der Umgang innerhalb der Familie in Japan sicher ein anderer, als wir es gewohnt sind und es ist die absolut richtige Entscheidung, diesen in einem für den westlichen Markt ausgelegtes Buch nicht westlichen Standards anzupassen, doch ich konnte damit nicht warm werden. Die ohnehin auf ein Minimum reduzierte Kommunikation zwischen den Figuren besteht hauptsächlich aus Kosenamen und Anweisungen und nur sehr selten reden die Familienmitglieder tatsächlich miteinander. Zudem wirken vor allem die Kinder deutlich zu erwachsen für ihr Alter und auch ihre Mutter behandelt sie über weite Teile mehr wie gleichaltrige Freunde als ihre Kinder.

Alles in allem besticht Als der Kaiser ein Gott war jedoch durch seinen ruhigen Stil und die dennoch packende Geschichte. Man wird entführt in ein hierzulande unbekanntes Kapitel des Zweiten Weltkrieges und lernt viel über fremde und bekannte Kulturen und die Universalität von Rassismus und Ausgrenzung. Eine Empfehlung für alle, die sich bewusst ihren blinden Flecken widmen wollen, die eine ungewöhnliche Perspektive auf den Zweiten Weltkrieg suchen oder einfach Lust auf ein packendes Familiendrama haben.

 

Als der Kaiser ein Gott war
Julie Otsuka
Aus dem Amerikanischem von Irma Wehrli
Lenos Verlag 2019
189 Seiten
22,00 Euro