Lutz Seiler – Stern 111

von Sebastian Meisel (27. März 2020)

 

Was könnte einfacher sein, als eine Buchbesprechung über ein Werk zu schreiben, das gerade mit einem wichtigen deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde? Und doch: In den Zeiten einer grassierenden Pandemie erscheint alles irgendwie wichtiger als das Gespräch über Literatur. Man kann sich diesem Gedanken nicht erwehren und gleichzeitig versuchen, ihn auszuschalten, denn Seilers Buch versucht am Ende auch nichts weniger zu sein als eine Orientierungshilfe in unsicheren Zeiten. Es vermag das, was Literatur im besten Sinne auch immer sein kann: Ein Abbild der Wirklichkeit im Raum des Fiktionalen. Ein Seelentröster. Und eine Ablenkung.

Dabei wirkt doch die Handlung selbst zumindest vorgestrig: Es geht um die Wirren zur Zeit der Wende, als die erste große Gruppe der Ungarn-Ausreise schon vorbei ist und die Mauer offen steht – mit all den Ungewissheiten, die die Menschen zu jener Zeit plagten. Wann macht sie wieder zu? Wo sollte man dann sein? Was kann man aufgeben? Man kann hierbei erkennen, dass Seiler an sein zurecht umjubeltes Debüt Kruso anschließt, das diese Fragen schon verhandelt, als die Mauer noch steht. Dort ist es Hiddensee, das Refugium der Querdenker und Freiheitssucher, die sich den Zwängen des Regimes nicht mehr ergeben wollen. Keine Konterrevolutionäre, keine Wartenden auf die Wiedervereinigung, sondern verbitterte, traumatisierte Menschen, die ihre Gegenwart in den Gedichten der Vergangenheit suchen, die sich ein neues Utopia ohne Zwang, ohne Geheimdienst imaginieren und im vollen Bewusstsein leben, dass dies nur Wenigen möglich sein wird.

Stern 111 beginnt anders, aber ähnlich. Überhaupt lassen sich Parallelen nicht leugnen, über die noch zu sprechen sein wird. Gera-Langenberg. Ein Stadtteil wie einer von vielen, die es in der DDR gab. Plattenbauten neben alten, fast verfallenen Häusern. Garagen. Regale für Einweckgläser im Keller. Hier wird Carl von seinen Eltern, Walter und Inge, hinbestellt. Es wird ihm kurz und knapp erklärt, dass seine Eltern vorhätten, in den Westen zu gehen und er nun die Verantwortung für die Wohnung übertragen bekäme. Samt Garage und Auto – einem Shiguli, eine Art Wartburg sowjetischer Bauart. Dem Sohn kommt es nicht ungelegen – das Studium in Halle in den Sand gesetzt, einen angedeuteten Suizidversuch hinter sich. Aber auch: Plan- und hoffnungslos, was man jetzt mit dieser neuen Zeit, die noch nicht da ist, während die alte noch nicht vergangenen war, anstellen sollte. Geboren 1963 (just das Geburtsjahr meines Vaters), also beim Mauerfall 26 Jahre alt und noch nicht angekommen in seinem Leben. Es entsteht hier schon die erste Umkehrung des üblichen Szenarios, mit dem der Roman auch in der Folge immer wieder spielt. Es sind die Eltern, die ihr neues Glück suchen, ausbrechen aus der Enge der im Verfall begriffenen DDR, während sich Carl, wenn auch nur für wenige Tage, noch dort einrichtet. Ohne Ziel, ohne Sinn – bis er dann schließlich nach Berlin aufbricht. Weshalb und wieso er aufbricht, bleibt unterbeleuchtet, dafür braucht es aber keine großen Worte. Alles war im Aufbruch und was sollten man schon in Gera-Langenberg tun? In Berlin, im Auto schlafend und an einer fiebrigen Erkrankung leidend, kommt er schließlich zu Hoffi, dem Hirten. Eine dieser sonderbaren Gestalten der Wendezeit, die die verwahrlosten Ostberliner Gebäude in Besitz nahmen, nicht besetzten, wie immer wieder betont wird, sondern bewohnten. Dort in der Assel lernt er auch die restliche Besatzung des U-Boots kennen: Tagträumer, Taugenichtse, Handwerker, Ausgeschlossene. Und jene, die Poeten sein wollen – wie Carl. Auch an dieser Stelle wird wieder der Verweis auf Kruso deutlich. In jenem Roman ist das Restaurant auf Hiddensee das Schiff, angeführt von Kruso selbst, der, genauso wie der eigentliche Hauptprotagonist des Vorgängers, Edgar, einen kurzen Auftritt in der Assel hat. Offensichtlich zogen die Träumer des Vorgängerromas weiter von Hiddensee nach Berlin, weshalb und warum, man kann es nicht leugnen, dass man es gerne erfahren hätte. Es soll gar nicht weiter auf den Verlauf des Romans eingegangen werden, in dem Carl seine Jugendliebe Effi wiedertrifft und die Eltern im Westen gegen viele Widerstände doch ihren Traum verwirklichen, sondern eher auf den erzählerischen Gehalt von Stern 111.

Es ist eine durchweg seltsame Erzählung, in der sich immer wieder traumhafte poetische Szenen mit banalen Erzählungen von Beziehungen und Eltern-Kind-Geschichten abwechseln. Traumhaft ist hier im Wortsinne zu verstehen. Wie schon in Kruso, als es zum Beispiel zu einem Dialog mit einem toten Fuchs kommt, werden auch in Stern  111 immer wieder magische, ja träumerische Begegnungen geschildert, bei denen man sich nie sicher sein kann, ob sie der Erzähler so erlebt hat, gehört hat oder doch gewisse Drogen im Spiel waren. Realität und Traum werden immer fein zueinander austariert, manchmal gar ins Groteske abgleitend, aber doch immer wieder mit kurzen Anspielungen versehen, mit Verweisen und Zitaten, die den Erzähltext zu einem feinen Gespinst weben, der sich einer generellen Auslegung entzieht. Dass hierbei eine besondere Schwierigkeit liegt, muss nicht zusätzlich erwähnt werden, steht doch der Leser manchen Passagen regelrecht ratlos gegenüber. Was ohne Frage ein geschickter narratologischer Schachzug ist, überdeckt auch einige unübersehbare Schwachstellen im Roman selbst. Die Beziehungsgeschichte zwischen Effi und Carl ist manchmal spektakulär banal, viele Charaktere bleiben regelrecht leblos und werden nur kurz aufgeführt, ohne dass sich ein besonderer Sinn dahinter offenbart. Die Kämpfe zwischen Hausbesetzern – oder -bewohnern – und Polizei bzw. Neonazis, die ja einen nicht unerheblichen Teil der Kämpfe zu Beginn der 90er Jahre ausmachten, werden nicht geschildert. Überhaupt kommen hierzu nur Andeutungen vor – bezeichnenderweise von Kruso selbst.

Überhaupt sind die zwischenmenschlichen Beziehungen erstaunlich kühl. Wo in Kruso zumindest zwischen dem Namensgeber und dem Protagonisten Edgar wenigstens ein Hauch menschlicher Wärme aufscheint, bleibt dies in Stern 111 fast völlig aus. Das fällt vor allem bei der Korrespondenz zwischen Carl und seinen Eltern auf, die zwar in manchen Kapiteln ihre Reise und die Erlebnisse schildern, aber man vermisst durchaus wenigstens den kleinsten Hauch von Anteilnahme am Schicksal des Anderen – sowohl bei Carl als auch bei den Eltern. Man kann natürlich davon ausgehen, dass dies bewusst so arrangiert wurde. Die Entfremdung zwischen den Familienteilen geht mit einer Entfremdung im geographischen Raum einher. Aber kann sich eine Erzählung darin erschöpfen? Vielmehr kann man davon ausgehen, dass zwei getrennte Welten nach einem Zuhause suchen, das sie beieinander nicht haben – weshalb sie es jedoch nicht haben, darüber schweigt die Erzählung. Aber im Grunde ist es genau diese Frage, die der Roman zu Beginn aufwirft: "Was ist Heimat?" Wer sich jedoch eine Antwort hierauf erhofft, wird enttäuscht werden. Jenseits eines "Heimat ist, wo ich zuhause bin/meine Freunde habe/mich wohlfühle/meinen Traum verwirkliche" ist von diesem Thema im Laufe des Romans nicht viel zu hören. Darin kann sich allerdings die Frage nicht erschöpfen, die bei all jenen Diskussionen im Raum steht, wenn es um den Osten Deutschlands geht.

Was die Sache noch verzwickter macht, ist die Danksagung am Ende des Romans. Hier scheint durch, dass Lutz Seiler eigentlich selbst diese Dinge erlebt hat. Also ein autobiographischer Roman? Das würde die angesprochenen offenen Stellen zwar nicht obsolet machen, aber doch erklärbar. Es würde einen fragmentarischen, halbfiktionalen Roman ergeben, der von seiner Sprache lebt und gar nicht den Anspruch hat, etwas erklären zu wollen. Das wäre immerhin ein Ausweg aus dem geschilderten Dilemma. Gleichwohl bleibt eine solche Erklärung auch nur halb befriedigend. Zum einen ist es unklar, ob der Leser nicht doch auf eine falsche Fährte gelockt werden soll, ein letztes Spiel zwischen Traum und Realität. Zum anderen ist Kruso deutlich näher an die Beantwortung der Fragen zwischen Heimat, Freiheit und dem Selbst herangekommen.

Ist also Stern 111 deshalb eine Enttäuschung? Ganz im Gegenteil. Seiler ist ein wirklich großartiger Roman gelungen, den man als das lesen sollte, was er ist und sein kann: Ein interpretationsoffener, sprachgewaltiger Roman über die Irrungen und Wirrungen der Wendezeit. Wer Erklärungen sucht, wird sie auch irgendwo in dem Meer aus Metaphern und Andeutungen finden. Allein, ob es die richtigen sind, bleibt offen. Allerdings: Was ist richtig im Falschen und Chaotischen?


Die Rezension zu Stern 111 ist als Gastbeitrag bei notizenderwaldgängerin erschienen.


Lutz Seiler
Stern 111
Suhrkamp-Verlag 2020
528 Seiten
24 Euro