Schwarz und Weiß

von Sebastian Meisel (22. April 2020)

 

Eines der sicherlich außergewöhnlichsten Bücher der vergangenen Saison zu besprechen, kann immer ein Wagnis sein. Die Erwartungen sind aufgeladen, Verrisse und Jubelarien schon geschrieben, gelesen, vergessen. Dies gilt umso mehr, wenn ein Roman über ein hochaktuelles und ebenso extrem polarisierendes Thema sprechen will. In Brüder von Jackie Thomae ist es die Herkunft und Jugend zweier afrodeutscher Brüder. Aber damit nicht genug, denn beide wachsen in jenem Teil Deutschlands auf, der gemeinhin nicht für seine Diversität bekannt war: die DDR. Sicher ist es kein Zufall, dass die Autorin Jackie Thomae eine fast gleich verlaufende Kindheit hatte – damit schleicht sich sogleich der Verdacht ein, dass es sich hier doch nur um einen autobiographischen Roman handeln könne, angereichert mit fiktionalen Zügen.

Es zeichnet wiederum ein Buch aus, das berechtigt auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand, dass all diese Vorüberlegungen schon nach wenigen Seiten obsolet sind. Vorgeführt wird dem Leser Mick, eigentlich Michael mit Namen. Man erfährt anfangs nicht viel von dem Protagonisten mit dem urdeutschen Namen und der nicht ganz so urdeutschen Hautfarbe – außer dass er offensichtlich in Berlin lebt, eine wilde Jugendzeit in den frühen Neunzigern hat, Nächte mit Drogen, Frauen und lauter Musik verbringt. Eine ganz normale Zeit also, nach der Wende.
Natürlich, da ist die Frage nach dem Vater. Die hippieske Mutter erzählt darüber wenig, weil sie vermutlich auch wenig erzählen kann. So schaut der Leser zuerst Mick zu. Wie er älter wird, seine Eskapaden größer werden, er einen dubiosen Drogendeal durchzieht, zahllose Frauen beschläft und immer wieder die Frage nach seiner Identität stellt. Gleichwohl stoppt man in der Lektüre und fragt sich, ob er dies wirklich tut oder ob wir in unserer Leseerwartung nur dahingehend konstruieren, dass er dies tun würde. Denn im Grunde ist Mick seine Herkunft und seine Gegenwart ziemlich egal. In den großen Berliner Clubs ist er nicht allein, nicht mal aufgrund seiner Hautfarbe außergewöhnlich. Man kennt sich, man feiert zusammen, man schläft miteinander, fertig. Welche Bedeutung es hat, in einer weißen Mehrheitsgesellschaft schwarz zu sein, diese Frage kommt eigentlich überhaupt nicht zur Sprache, abgesehen von einigen wenigen Stellen, in denen es um Auseinandersetzungen mit Rassisten oder allgemeinen Vorurteilen geht. Aber auch in diesen Situationen wird schnell der eigentliche Problemkern übersprungen. Weiter, zur nächsten Party, bloß nicht aufhalten mit vielfältigen Gedanken.
Ziemlich genau in der Mitte des Buches stoppt auf einmal die fulminante, wenngleich manchmal etwas konventionelle Erzählung über Mick. Vorgeführt wird nun sein Vater. Er erzählt über sein Studium in der DDR, das Anders-Sein, die Blicke der Anderen. Aber auch von den Möglichkeiten, den Träumen, die man als junger Afrikaner haben kann, wenn man es durch eine wohlhabende Familie und einen internationalen Antikolonialismus nach Leipzig zum Studium geschafft hat. Der Höhepunkt dieser sehr gelungenen Erzählung ist die Enthüllung eines zweiten Kindes mit einer anderen Frau. Der titelgebende Bruder kommt ins Spiel: Gabriel. Wer aber denkt, dieselbe Geschichte noch einmal aus einer anderen Perspektive erzählt zu bekommen, der irrt. Denn nicht die Jugend- und Wendezeit steht nun im Vordergrund, sondern die Gegenwart – ein neues Puzzlestück in der unendlichen Selbstkonstruktion, die man Identität nennt. Gabriel ist in etwa das Gegenstück zu Mick, aber dabei nicht platt und holzschnittartig dargestellt. Er ist Stararchitekt, hat eine wunderschöne Frau und einen pubertierenden Sohn, der am liebsten YouTube-Star werden will. Finanziell abgesichert, mit zahlreichen Aufträgen in aller Welt verwöhnt, ist Gabriel ein typischer Protagonist einer aufsteigenden sozialen Schicht. Unermüdlich in der Arbeit, strebsam bis zur Selbstverleugnung, streng gegen sich und andere, manchmal hochnäsig, wandelnd am Rande des Burnouts. Aber er ist auch kontrolliert und das, was man früher "preußisch" genannt hätte, auch wenn Gabriel in London lebt. Bis die Sicherheitsnetze versagen und er eine Studentin, die in seinem Kurs sitzt, den er als Gastdozent gibt, auf offener Straße körperlich angeht. Der nachfolgende Skandal führt zum Zusammenbruch des Überfliegers, des Emporkömmlings, inklusive Krisen in der Familie.
Aus diesem Kontext wird rückblickend die Geschichte Gabriels erzählt, und zwar abwechselnd von ihm und seiner Frau Fleur. Wenn es dabei intendiert war, dass man beim Lesen immer wieder vergisst, dass Gabriel schwarz ist, dann ist es hervorragend gelungen. Man kann sich sicher sein, dass dies aber nicht Teil einer "Farbenblindheit" ist, sondern der Tatsache geschuldet, dass man von einem schwarzen Stararchitekten, der in feinsten Restaurants essen geht, teure Häuser baut und kauft, kaum ein Bild im Kopf hat. So "verblasst" im eigentlichen Sinne des Wortes immer wieder Gabriels Hautfarbe. Aber auch für den Protagonisten selbst. Es ist seine Frau, die immer wieder an Ausgrenzungserfahrungen erinnert, die selbst, wenngleich aus einem überprivilegierten, weißen Elternhaus stammend, die eigentliche Wortführerin ist, wenn so etwas wie Zorn auf die Mehrheitsgesellschaft aufkommt. Dass man es hierbei mit einem Vertretersymptom, einer Ent-Schuldigung aufgrund der Herkunft zu tun hat, wird dabei sofort klar.
Überhaupt sind es fast durchgängig die weißen Figuren des Romans, die über Rassismus sprechen. Nur ganz selten wird von den beiden Protagonisten reflektiert, welche Art der Ausgrenzung sie erfahren haben, welche Möglichkeiten nicht ergriffen werden konnten. Und man kann nicht anders, als diese Form der Erzählung als wohltuend zu empfinden. Wenngleich der Roman ein aufgeladenes Thema bespricht, hält er sich mit dem berüchtigten "moralischen Zeigefinger" zurück. Natürlich gibt es auch wütende Anklagen, die in den Kontexten der Geschichten durchaus nachvollziehbar sind, aber niemals wird die Möglichkeit der eigenen Freiheit auch nur ansatzweise in Frage gestellt. Wir alle sind nicht nur Objekte einer uns umgebenden Gesellschaft, die uns bestimmt, uns zu dem macht, was wir sind. Wir sind autonome Lebewesen, die ihren eigenen Weg finden. Dass dies nicht einem "Konzept" von Identität entspricht, wenn man darunter versteht, dass man ein bestimmtes Set an Eigenschaften zu einem Zeitpunkt x haben muss, ist natürlich klar. Es geht in dem gesamten Roman nicht um Schubladen, um Schuldzuweisungen, sondern es wird das getan, was ein solches Buch tun muss: Es erzählt eine Geschichte, es hört zu, es erlaubt Innen- und Fremdbetrachtungen. Dass Jackie Thomae offensichtlich ein wunderbares Gefühl von Sprache und Rhythmus hat, macht es nur zu einem größeren Lesevergnügen.
Man darf sich natürlich fragen, ob man die beiden Geschichten nicht subtiler zusammenbinden könnte oder warum Mick auf einmal sang- und klanglos nach etwa 200 Seiten verschwindet, auch wenn seine Geschichte alles andere als auserzählt ist. Aber diese Kritik steht einer Fülle an großartigen Sprach- und Klangwelten innerhalb des Buches gegenüber, sodass sie kaum ins Gewicht fällt. Brüder ist für all jene eine Kaufempfehlung, die sich der Frage nach Identität im Jahr 2020 nicht verweigern wollen, aber in Kauf nehmen, auf die eine oder andere unangenehme Wahrheit zu stoßen.


Jackie Thomae
Brüder
Hanser Verlag
432 Seiten
23,00 Euro