"Der Sarg deiner Beerdigung"

von Niklas Knüpling (04. Mai 2020)


 

"Ich glaube, Sie sind mein Sohn.
Ich bin nicht Ihr Sohn.
Doch, doch, ich glaube schon."

"Das ist das wichtigste Bild deines Lebens. Das ist der Sarg deiner Beerdigung." Ein leerer Sarg, eine theatralische Trauergemeinde, eine Überzeugung: Ihr Sohn wurde von keiner Bombe getroffen und ist auch nicht gestorben. Von dieser Gewissheit getrieben lehnt sich Rosa Kaplan gegen ihr Schicksal auf. Um die schmerzhafte Lücke, die ihr verschollener Sohn Polat hinterlassen hat, zu füllen, beschließt sie, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen und ihre Geschichte neu zu schreiben. Nach zehn Jahren Arbeit am Skript zur Serie TAXI zieht Rosa Kaplan los, um einen neuen Sohn zu suchen.
Von etwas Geld und dem Versprechen auf Abwechslung überzeugt, zieht der Erzähler des Romans in die Wohnung von Rosa Kaplan. Durch monatelanges Training schlüpft er in das Leben des Polat. Zusehends identifiziert er sich mit dessen Leben und beginnt, seine eigenen Erfahrungen hinter sich zu lassen.

"Es ist wahr, dass sie jetzt meine Mutter ist. Ich nenne sie mittlerweile Mutter, selbst wenn wir nicht spielen."
Rosa und der neue Polat fühlen sich als Stars ihrer neuen Serie, die sie, ganz ohne Kamera, für ihr Publikum aus Freundinnen und Nachbarinnen spielen. Bald verschwimmt jedoch die Grenze zwischen Realität und Drehbuch. Je tiefer sich der Protagonist in Polats Leben verstrickt, desto drastischer werden die Mittel, die er ergreifen muss, um in der Gunst der Mutter zu bleiben, die sein neues Leben völlig kontrolliert.
Es fügt sich ein Bild von Krieg, Verlust und Trauer abseits der Front. Mit einer Reihe interessanter und überzeugender Charaktere gelingt es, ein Feld zwischen Allmachtsfantasien, Verlustangst und Fremdbestimmung zu spannen. Der namenlose neue Polat, welcher als Kind die Deportation seiner Eltern miterlebte, sonnt sich in seinem Leben als gefeierter Rückkehrer und in der Bewunderung, für die er schon sein ganzes Leben lang kämpft.
"Ich bin ein Star. Ein Popstar. Ich spüre, dass sie mich brauchen. Ich bin der Mittelpunkt ihrer Welt, weil ich das Neue bin. Ich bringe Abenteuer und Spaß in ihren Alltag, ich bin die Wiedergeburt, das Gegenstück zu ihrer alltäglichen Langeweile."
Die Mutter ist von einem solchen Schmerz wegen des Verlusts ihres Sohns getrieben, dass sie beschließt, nur ihrer eigenen Überzeugung zu glauben. Aus diesem Drang heraus sucht sie Rache an jenen, die ihr nicht glaubten, und jenen, die sie für Polats Verschwinden verantwortlich macht. Hierbei steht Rosa vor dem Konflikt zwischen der Bekämpfung ihres inneren Schmerzes und dem Wunsch nach Anerkennung der Menschen ihres Umfelds.
TAXI ist der Name der Serie, welche das neue Leben von Rosa und Polat lenkt. Alle Klischees der Vorbilder, amerikanische Sitcoms oder Serien, tauchen auf: Mehrere Staffeln, gedruckte Playbuttons, Zeitsprünge, Cliffhanger. Leserinnen erwartet jedoch kein drehbuchartiges Drama, sondern viel mehr das Making-Of. Der Ich-Erzähler lässt hinter die Kulisse der Inszenierung blicken, ergänzt dies bei Zeiten um improvisierte Elemente, wie das schließlich alle großen Schauspieler tun, und fasst abschließend jede Folge zusammen. Dieser schnelle Stil voll mit Zeitsprüngen und filmischen Erzählelementen zeugt von den Einflüssen der üblichen Arbeit Cemile Sahins. 1990 in Wiesbaden geboren, studierte sie Bildende Kunst in Berlin und London und ist heute nicht nur als Schriftstellerin, sondern auch als interdisziplinäre Künstlerin vor allem im Bereich der Videokunst und mit Installationen rund um Multiperspektivität in Erzählungen aktiv. In ihrem ersten Roman schafft sie es, ein bewegendes Bild des Kriegs ohne Klischees oder Pathos zu präsentieren, sich dabei unterhaltsamer Charaktere zu bedienen und fesselnd zu erzählen. Langeweile kommt nie auf, ganz im Sinne von Rosa Kaplan: "Aufregung ist immer gut. Das ist das Gegenteil von langweilig. Stell dir nur einmal vor, dir wäre jetzt langweilig. Wäre das nicht schrecklich?".

"Im Frieden sind auch immer die, die der Krieg waren. Deshalb bleiben sie der Krieg und man denkt nicht mehr an die anderen, sondern nur noch an seine Waffe." 


Taxi
Cemile Sahin
Korbinian Verlag
220 Seiten
20,00 Euro