Reise durch Israel

von Leonie Herr (20. Mai 2020)

 

Im Mittelpunkt von Yehoshuas Roman steht Zvi, ein Straßenbauingenieur im Ruhestand, der zuletzt immer wieder kleine geistige Aussetzer hat. Ein Besuch beim Neurologen bestätigt dann auch, dass sich bei ihm auf dem Frontallappen eine Atrophie gebildet hat, die der Grund für die Erinnerungslücken ist. Doch der Arzt macht Hoffnung und hebt die Bedeutung geistiger Aktivität hervor, um der beginnenden Demenz etwas entgegenzusetzen. Zvi ist mit den täglichen Einkäufen und der Betreuung des Enkels tatsächlich nicht ausgelastet und so kommt das Angebot, als Berater bei einem Straßenbauprojekt tätig zu werden, gerade recht. Er soll seinen Amtsnachfolger im Bauministerium bei der Planung einer geheimen Straße in der Wüste unterstützen. Der junge und der alte Ingenieur machen sich deshalb auf den Weg in die Negev-Wüste im Süden Israels, um das Gelände zu besichtigen. Nur um festzustellen, dass der Straße ein Hügel im Weg ist, der abgetragen werden müsste – wäre da nicht die palästinensische Familie, die auf dem Hügel lebt. Die Lösung scheint ein Tunnel, doch von dieser aufwendigeren und teuren Lösung müssen die Zuständigen im Ministerium erst überzeugt werden.

Der titelgebende Tunnel ist für Zvi und die Romanhandlung auf mehreren Ebenen von großer Bedeutung. Das Projekt schreitet allerdings nur langsam voran und der Geschichte fehlt es an Spannung. Es werden immer wieder Episoden aus Zvis Alltag erzählt, die von der voranschreitenden Demenz künden. Es sind diese Situationen, anhand denen der schleichende Verlauf der Krankheit deutlich wird. Yehoshua schafft es dabei allerdings nicht, dass sich der Leser in Zvis Situation und seine Verwirrtheit wirklich einfühlen kann.

Eine Konstante, die Zvi trotz zunehmender Verwirrtheit allerdings immer ein Ankerpunkt ist, ist seine Frau. Die Vertrautheit und Innigkeit einer solchen jahrzehntelangen Beziehung werden in kleinen Gesten anrührend geschildert und es wird deutlich, wie man Halt in einer solchen Beziehung finden kann. Die Liebe zwischen den beiden ist immer noch stark und die gemeinsamen Momente, in denen sie sich umeinander sorgen und kümmern, gehören zu den schönsten Szenen im Buch.

Der Roman eröffnet insgesamt viele Assoziationsräume auf großer und kleiner Ebene. Zu seinen Stärken zählt deshalb der interessante Einblick in die moderne israelische Gesellschaft mit all ihren Konfliktfeldern zwischen Traditionen und Neuanfang. Der Konflikt zwischen Israel und Palästina kommt ebenso zur Sprache wie die lange Geschichte dieses Landes, das Heimat vieler Völker und Religionen ist. Zvis persönliches Schicksal wird so mit der Zukunft und Gegenwart Israels verknüpft, wenn deutlich wird, dass Vergessen auch zur Chance werden kann.

Letztendlich bleiben am Ende aber leider viele lose Fäden zurück, die nicht mehr aufgenommen werden. Ihre Bewandtnis für die Handlung bleibt offen und auch die Beziehungen zwischen vielen Figuren bleiben eher diffus. Es mag eine Anspielung auf die Demenz sein, die auch kein befriedigendes Ende nimmt und viele Betroffene aus dem Leben reißt, ohne ihnen die Chance zu geben, alles zu klären und auszusprechen, was noch zu sagen wäre. Der Roman tut dies aber auf eine Weise, dass man als Leser nur unbefriedigt zurückbleiben kann. 


Abraham B. Yehoshua
Der Tunnel
Aus dem Hebräischen von Markus Lemke
Nagel & Kimche 2019
368 Seiten
24,00 Euro