Der Schindermann lässt grüßen

 

von Frederic Heising (23. November 2010)

 

 

Seit Ewigkeiten ist Nick Cave ein Urgestein der Musikszene, obwohl sich der alte Herr nie für den Mainstream hergegeben hat. Der Australier bleibt sich treu – egal ob als Musiker der Bands The Bad Seeds und Grinderman, oder als Autor. Die Wortgewalt seiner Songtexte überträgt er mit Leichtigkeit auf seine Romane, die alles andere als typische Rockstarliteratur sind. Mit Und die Eselin sah den Engel schlägt er sehr epische Töne an und verwandelt die Südstaatenerzählung über den inzestgeschädigten Außenseiter Euchrid Eucrow in eine pervertierte Heilsgeschichte.

 

 

 

Drei Krähen kreisen über dem Geschehen im abgelegenen Ukulore Valley, in dem die Minderheit der religiös fanatischen Ukuliten das Szepter fest in der Hand hält – drei Todesboten. Der Roman beginnt, als Euchrid bereits mit seinem Leben abgeschlossen hat. Er befindet sich zusammengekauert im Sumpf und wartet darauf zu versinken. In biblischem Tonfall entfalten sich nun die Geschichten seines armseligen Lebens: der frühe Tod seines Zwillingsbruders, der wenige Minuten nach der Geburt den im Mutterleib eingeübte Morsecode nicht erwidert, die Misshandlungen durch die ewig besoffene Mutter, die gemeinen Übergriffe durch die Stadtbewohner und Plantagenarbeiter, der große Regen, der das Tal wie eine Plage heimsucht und der verzweifelte Versuch Euchrids, sich zur Wehr zu setzen. Sein ganzes Leid legt er in die „Klagelieder Euchrids des Stummen“, Abgesänge einer gebeutelten Kreatur, die sonst keine Möglichkeit zur Artikulation hat. Alle Versuche, sich von der düsteren Welt fern zu halten, scheitern. Sein Versteck im Sumpf wird entdeckt und zerstört, sein groteskes Königreich „Hundskopf“ auf der elterlichen Müllkippe, in dem er über eine skurrile Menagerie von verkrüppelten Tieren herrscht wird letztlich von der aufgebrachten Menge gestürmt. In dieser feindlichen Welt, in der man beim besten Willen nichts Gutes oder Unschuldiges entdecken kann, wird auch Euchrid bald zum Schinder und Mörder. Viele Auswege bleiben ihm nicht.

 

In düsteren Farben malt Cave seinen Debütroman. Und er wie er malt, denn durch seine gewaltige Sprache und seine meisterhaft detaillierte Erzählweise entstehen die Bilder gnadenlos vor dem inneren Auge. Erst glasklar, dann verzerrt bis zum wahnhaften Delir folgt man dem geschundenen Euchrow auf seinen Streifzügen und versinkt mit ihm in zweifacher Hinsicht im Sumpf. Man wird hinabgezogen in das Wirrwarr seiner Gedanken und gleichzeitig zieht einen der Treibschlamm, in dem Euchrid auf seinen Tod wartet, ebenfalls mit in die Tiefe.

 

Und die Eselin sah den Engel ist ein Feel-bad-Buch, dass man allerdings kaum mehr aus der Hand legen will, wenn man sich einmal darauf eingelassen hat. Das Böse und Hässliche strahlt hier mit all seiner Anziehungskraft, seiner ambivalenten Ästhetik und einem Hauch von schwarzem Humor, so dass einem der Alltag fast wieder wie die Leibnizsche „beste aller möglichen Welten“ vorkommen kann. „O trauriger Engel, du weinst?“.

 

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Und die Eselin sah den Engel
Aus dem Englischen von Werner Schmitz
Piper 2010 (14. Auflage)
326 Seiten, 9,95 Euro