Von Sinn und Unsinn

von Svenja Zeitler (01. Juni 2020)


Ein Roman, der in völliger Dunkelheit spielt? Von dieser Idee sprach der Autor Markus Orths bei einer Vorlesung der Bamberger Poetikprofessur 2018 und ließ das Publikum einen kurzen Einblick in sein aktuelles Projekt gewähren. Das ist nun fertig und unter dem Titel "Picknick im Dunkeln" im Hanser Verlag erschienen.

Treffen sich Stan Laurel und Thomas von Aquin in einem stockdunklen Gang… Was klingt, wie der Anfang eines befremdlichen Witzes, ist quasi eine kurze Zusammenfassung von Orths‘ neuestem Roman "Picknick im Dunkeln". Arthur Stanley Jefferson, besser bekannt als Stan Laurel, eine Hälfte des legendären Komikerduos "Laurel und Hardy", findet sich plötzlich in völliger Dunkelheit, scheinbar mitten im Nichts, wieder. Er weiß nicht, was geschehen ist, wo er sich befindet und warum er hier ist. Bei seinen tastenden Erkundungen durch das schwarze Gewölbe trifft er schließlich auf eine weitere Person, die dort gefangen zu sein scheint. Und diese ist niemand anderes als Thomas von Aquin, der berühmte Dominikaner-Mönch und große Denker des 13. Jahrhunderts. Gemeinsam machen sich die beiden auf die Suche nach dem Ausgang aus der Dunkelheit, nach der Wahrheit über diesen Ort, nach dem Grund ihres Zusammentreffens und schließlich auch nach dem Sinn von Leben und Tod, von Glauben und Lachen.

Als wäre es nicht schon ein kurioses Experiment, einen Roman zu schreiben, in dem die Hauptfiguren rein gar nichts sehen können, also ein Roman quasi ohne visuelle Komponenten, reichert Markus Orths diese Herausforderung zusätzlich mit den zwei unmöglichsten Kameraden an, die man sich vorstellen kann. Doch wie sich herausstellt, hat dieses am Anfang sehr willkürlich erscheinende Paar doch mehr Parallelen, als man denkt. Und es sind gerade ihre Differenzen, die Differenzen zwischen Jahrhunderten, zwischen Weltanschauungen und zwischen Lebensstilen, die den Roman bereichern.

Über den Sinn des Glaubens und des Lachens

"Vielleicht, dachte Stanley, liegt das daran, dass ein Mensch sich an alles gewöhnt, auch an die schrecklichste Finsternis." Und so ist die Dunkelheit auch kein Problem für den Autor. Ganz natürlich bedient er sich an Rückblenden in das vorangegangene Leben beider Figuren, schafft es aber auch – ähnlich wie Thomas, wenn der von seiner Kindheit in Italien erzählt – durch seine Erzählweise dort Bilder entstehen zu lassen, wo es doch eigentlich außer Dunkelheit nichts zu sehen gibt.

"Ihm schien, als schminke er am Abend mit der Schminke auch sein Grinsen ab und mit dem Grinsen die Leichtigkeit und Lebensfreude, die Zartheit und Menschlichkeit seiner Figur. Ohne zu wissen, was sich darunter verbarg. War das der Preis? Für ein Eckchen Unsterblichkeit?" Orths schreibt einfühlsam und respektvoll über die behandelten Personen, liefert nebenbei auch für Leser, die bisher wenig mit den beiden realen Persönlichkeiten anfangen konnten, verständliche und interessante Einblicke in die Biographie und mögliche Psyche der beiden Figuren.

Insgesamt ist "Picknick im Dunkeln" ein kurzer und dabei auch kurzweiliger Roman, in dem – wie sollte es bei diesen Protagonisten auch anders sein – Humor auf tiefphilosophische Gedanken trifft. Die Dunkelheit spielt dabei zwar eine Rolle, ist aber nicht der raffinierteste erzählerische Kniff, sondern ordnet sich vielmehr dem Verlauf der Geschichte unter.

 

Picknick im Dunkeln
Markus Orths
Hanser Verlag
240 Seiten
22 Euro