Das Rätsel einer bengalischen Sage

von Leonie Herr (01. Juli 2020)


Deen Datta ist in den indischen Sundarbans einer alten Legende auf der Spur. Der Antiquar lebt eigentlich in New York, verbringt jedoch einige Monate im Jahr in seiner Heimatstadt Kalkutta. Dort weist ihn eine alte Bekannte auf einen mysteriösen Schrein mitten im schwer erreichbaren Gangesdelta hin. Er macht sich auf den Weg, doch dort kommt es zu einem verhängnisvollen Vorfall mit einer Königskobra.Deen wird daraufhin von mysteriösen Zeichen und Schlangen verfolgt. Die Legende und ihre Bedeutung lassen ihn deshalb nicht mehr los und so führt ihn seine Suche schließlich bis nach Venedig – und in die Gegenwart. 

Amitav Gosh eröffnet mit „Die Inseln“ einen authentischen Blick auf das moderne Indien in der Grenzregion zu Bangladesch und die einzigartige Landschaft der Sundarbans. Dabei schildert er eindringlich die Lebensbedingungen der Menschen im Spannungsfeld zwischen den Anforderungen einer modernen, digitalisierten Gesellschaft auf der einen und einem uralten, mystischen Glauben und dem Leben im Einklang mit der Natur auf der anderen Seite. Dazu werden parallel immer wieder gesellschaftliche Probleme reflektiert. Die schwierige Arbeit von Hilfsorganisationen für Mensch, Natur und Tierwelt ist dabei ein zentraler Aspekt und kommt wiederholt zur Sprache. Amitav Gosh bleibt allerdings nicht nur in der Gegenwart, sondern erzählt sehr kenntnisreich von der Geschichte und Vergangenheit seines Landes.

Der Roman nimmt die Leser jedoch nicht nur mit nach Indien, sondern auch auf eine interessante Reise um die halbe Welt. Doch genau hier liegt leider auch eine Schwachstelle des Buches. Eines seiner Kernthemen sind der Klimawandel und seine fatalen Auswirkungen. Es wird immer wieder nachvollziehbar aufgezeigt, wie die Veränderungen in der Natur die Lebensbedingungen von Mensch und Tier bedrohen. Ein Wandel, der ihnen nicht nur ihre Existenzgrundlage entzieht, sondern sie zur Flucht oder Wanderschaft in neue Lebensräume zwingt. Es wird deutlich, dass es schon heute tiefgreifende Veränderungen gibt und es langfristig nicht so weitergehen kann.
Gleichzeitig fliegen allerdings nicht nur der Protagonist, sondern auch zahlreiche Nebenfiguren im Laufe der Geschichte immer wieder um die halbe Welt. Kalkutta, New York, L.A. und Venedig sind dabei nur einige Stationen. Einsicht oder eine Reflexion darüber, dass es auch genau dieser Lebensstil – besonders der westlichen Gesellschaft – ist, der seinen Anteil an der Umweltbelastung hat, findet nicht statt. Das nimmt dem Roman stellenweise seine Glaubwürdigkeit, denn einerseits macht er die Dringlichkeit deutlich, mit der wir etwas verändern müssen, andererseits endet die Kritik dort, wo der eigene Lebensstil anfängt.

Der Roman holt die alte indische Legende um Manasa Devi – die Gottheit der Schlangen – in die Gegenwart, indem gegenwärtige Fluchtbewegungen mit Handelsreisen im 17. Jahrhundert, klimatisch bedingte Veränderungen von Lebensräumen mit mysteriösen Zeichen der indischen Göttin und wissenschaftliche Fakten mit Schicksal und Zufall verknüpft werden. Das ist eine einzigartige Mischung, doch man muss es mögen, dass solche Gegensätze vereint werden. Es wirkt teilweise sehr konstruiert, weil die Verbindung oftmals hakt und sie den Thematiken stellenweise nicht ganz gerecht werden kann.

Insgesamt bleibt deshalb leider das Gefühl, dass der Roman zwar ein wirklich bedeutendes Anliegen hat, dass darüber aber die Geschichte selbst in Vergessenheit gerät. Der Roman nimmt sich zu viele wichtige und relevante Themen vor, zeigt aber keine langfristigen oder realistischen Lösungen auf. Stattdessen verliert sich alles auf einer transzendentalen Ebene und es ist leider nicht überzeugend, dass damit unsere drängenden, irdischen Probleme gelöst werden können.


Amitav Ghosh
Die Inseln
Aus dem Englischen von Barbara Heller und Rudolf Hermstein
Blessing 2019
367 Seiten
22,00 Euro