Auch Männer können brüten!

von Jasmin Wieland (02. Juli 2020)


Heinrich will brüten. Ein Titel, der bereits ein Statement liefert. Genauso auch das Cover. Stolz sitzt der kleine Hahn Heinrich, wohlgemerkt mit verschränkten Armen, auf seinem Ei, so als wolle er sagen: „Ich lasse mir von euch nicht reinquatschen! Ich kann das auch! Ich bin doch schon groß!“ Damit bringt er die erwachsenen Hennen um ihn herum zum Staunen. Der kleine Heinrich kann also ein ganz schön sturer Bock… äh Hahn sein, wenn er einen Traum hat. Doch seine freundliche Miene zeigt, dass seine Absichten dahinter natürlich nur guter Natur sind! Anette Thumser veranschaulicht in ihrem Bilderbuch Heinrich will brüten! anhand eines für Kinder leicht zugänglichen Schauplatzes, nämlich den Bauernhof, ein viel größeres Thema: Es geht um Gendergerechtigkeit, Rollenzuweisungen und der Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Akzeptanz beim Aufbrechen traditioneller Muster. Die sehr modern wirkenden Illustrationen von Nikolai Rengers geben dem Büchlein ab 3 Jahren darüber hinaus eine überaus frische Note.  

Was bei Pinguinen eines der normalsten Dinge der Welt ist, nämlich das Männlein und Weiblein abwechselnd brüten, ist auf dem Bauernhof, genauer gesagt in der Vorstellungskraft von Hahn und Henne genauso weit entfernt wie die Arktis von der Antarktis. Für Heinrich ist das aber ganz und gar nicht nachvollziehbar. Warum sollen denn nur Hennen brüten? Zumal geht ihm die ganze Kräherei gehörig auf die Nerven. Er steht auf dem Baumstamm und kräht bzw. krächzt sich die Kehle aus dem Hals, nur klingen wie bei seinem Papa, mag das immer noch nicht. Heinrich ist deprimiert und erhält sogleich von seinem Papa eine Lektion darüber, warum es so wichtig sei, Krähen zu können. Nach der Vaterrolle erklärt Thumser die Mutterrolle. Und dann der entscheidende Moment: Heinrich will brüten! Was? Seine Eltern sind fassungslos. Doch Heinrich begibt sich frohen Mutes auf die Suche nach einem Ei.

Hierbei kommt für kurze Zeit das Wander- und Erkundungselement ins Spiel. Von Gans über Frosch und Kuhweide, öffnet Thumser den Rahmen des Geschehens und zeigt dem Leser, was es noch so alles für Bauernhof-Schauplätze und -Welten gibt. (Die Tatsache, dass ein kleiner Hahn in der Realität wohl kaum alleine durch die Gebiete streunen darf, muss an dieser Stelle einfach mal außer Acht gelassen werden.) Auf der Kuhweide findet Heinrich dann sein Ei. Ein Golfball hat sich hierher verirrt. Das weiß Heinrich aber natürlich nicht. Es ist weiß und rund und sieht eben aus wie ein Ei, und ist daher erstmal ein „Ei-Ding“. Er nimmt es mit in den Hühnerstall, wo sein Papa es als „Bällchen“ identifiziert. Auf die optische Verwechslung von Ball und Ei wird im Folgenden nicht weiter eingegangen, zumal die Szene schnell aufgelöst wird und der Ball durch ein richtiges Ei ersetzt wird, auf dem Heinrich dann brüten darf. Das ist einerseits schade, da in der Verwechslung witziges Potential liegt, andererseits schafft es so Raum für Eltern und Kinder zu erklären bzw. spekulieren, was das „Ei-Ding“ wohl sein mag. Heinrich brütet dann 4 Tage auf dem Ei, bis endlich sein kleines Brüderchen schlüpft und er somit zum „Bruderpapa“ wird. Ein Ereignis, dass den Höhe- und eigentlichen Endpunkt der Geschichte darstellt. Jedoch folgt hierauf noch eine Doppelseite, die zeigt, wie Heinrich seinem Brüderchen die Welt erklärt, so wie seine Mama ihm das damals alles erklärt hat. Zugleich erkennen die Eltern, dass Heinrich erstaunlicherweise tatsächlich sowohl brüten als auch krähen kann. Happy End also! Und ein männlicher Hauptcharakter, der zeigt: „Pah, es wäre doch gelacht, wenn wir das mit der Erziehung nicht auch könnten. Von wegen wir können nur laut Krähen!“ – ganz im Sinne der modernen Vaterrolle.

Fazit: Auch wenn die Geschichte etwa in Hinblick auf den Spannungsbogen ein wenig anders hätte gestaltet werden können; Heinrich will brüten! stellt ein sehr modernes Bilderbuch dar, das sich in gegenwärtige Genderdebatten rund um die Verteilung von elterlichen Aufgaben einreiht und den kleinen sowie großen Lesern demonstriert: Rollenzuweisung ist doch Heu von gestern! Einfach mal ein bisschen locker machen und Neues wagen. Im Endeffekt ist das doch viel gemeinschaftlicher und aufregender. Und darauf ein freudiges Kikeriii-kik!


Anette Thumser
Heinrich will brüten!
Illustriert von Nikolai Renger
Magellan 2020
32 Seiten
14 Euro