Ganz ehrlich, die Jugend

von Florian Grobbel (30. Juli 2020)


Zugegeben: Auf den ersten Blick mag es so wirken, als würde sich Anne Freytag mit Das Gegenteil von Hasen an einer deutschen Version des weltweiten Erfolges 13 reasons why versuchen; einen Münchener Breakfast Club sozusagen, nur mit noch versteifterem Schubladendenken und Übertreibung von Figurenklischees, als man sie schon aus den zahllosen ätzenden High School Dramen kennt. Das wäre jedoch eine unsagbare Fehleinschätzung, denn Freytags Jugendroman ist vor allem eins: echt und ehrlich! 

Edgar, Linda und Julia sind Mitglieder der zwölften Jahrgangsstufe eines Münchener Gymnasiums. Soviel zu ihren Gemeinsamkeiten, denn abgesehen davon sind sie ziemlich verschieden. Die bisexuelle Linda hatte zwar eine längere Beziehung mit Edgar, verliebt sich dann aber in das Mädchen Momo. Edgar, der oberflächlich zu der Kategorie gehört, die wir alle aus unserer Schulzeit kennen und als „Die ganz Netten“ bezeichnen würden, fährt seit einiger Zeit mit Julia im gleichen Bus zur Schule und hat starke Empfindungen für sie. Zwischen ihnen besteht allerdings zunächst kein wirklicher Kontakt, da Julia zu den beliebten Schülerinnen des Jahrgangs gehört. Dort fühlt sie sich allerdings gar nicht so wohl. Zwar ist sie mit dem schönen Leonard zusammen und beste Freundin von dessen Zwillingsschwester Marlene, aber die richtige Welt scheint das für Julia nicht zu sein. Ihre immer größer werdenden Sorgen sammelt Julia in ihrem privaten Wordpress-Account – eine Möglichkeit die Wahrheit loszuwerden und sich jeden Frust von der Seele zu schreiben. Ein großes Problem entwickelt sich natürlich, wenn auf einmal der Laptop verschwindet und Julias sämtliche Einträge veröffentlicht werden – über Edgar, über Leonard und jeden anderen.

Bekannte Persönlichkeiten

Was Anne Freytag mit Das Gegenteil von Hasen schafft, ist zunächst einmal ein Versuchsraum. Nachdem man das Kernproblem kennengelernt hat, fragt sich jede Leserin und jeder Leser unweigerlich: Was wäre passiert, wenn in der eigenen Klasse so eine Bombe hochgegangen wäre? Wie würde es ausgehen, wenn plötzlich sämtliche Gedanken einer einzelnen Person ungefiltert an die Öffentlichkeit kommen würden? Was würde der Leonard meiner Klasse sagen, wenn jeder seine Betterfahrungen kennen würde? Dass sich Leserin und Leser diese Fragen stellen können, liegt an Anne Freytags grandiosen Figuren, welche die größte Stärke des Romans sind. Es kann unfassbar schnell daneben gehen, wenn Erwachsene versuchen, Teenager zu verstehen und ihr Innenleben in ein Buch zu packen. Doch die Jungen und Mädchen in diesem Roman sind absolut authentisch und an keiner Stelle überdreht oder nur irgendwie beladen mit Klischees. Gerade Linda stellt ein emanzipiertes Mädchen dar, die früher aufgrund ihres Übergewichts gehänselt wurde, das Schicksal aber dann selbst in die Hand nahm, jetzt selbstbewusst im Leben steht und zur heldenhaftesten Person des Buches wird. Auf fast wunderliche Weise kann sich Anne Freytag sowohl in den introvertierten Edgar hineinversetzen als auch in die beliebte Marlene und sogar der Direktorin des Gymnasiums werden ein paar Kapitel gegönnt, wobei ihre Sicht auf die Dinge gedeutet wird.

Ein wichtiges Zeichen

Das Gegenteil von Hasen ist so reichhaltig an kluger Kritik der heutigen Jugendkultur ohne, dass an irgendeiner Stelle mit dem moralischen Zeigefinger gewinkt wird. Auf ehrliche Weise wird der oftmals leichtsinnige Umgang mit dem Internet diskutiert und der soziale Druck junger Menschen analysiert. Die Aufklärung des bösen Phantom-Veröffentlichers gerät tatsächlich irgendwann ins Hintertreffen, doch das stört überraschenderweise kein bisschen, denn die Entwicklung der Protagonisten führt zu einer viel größeren Spannung als die Aufdeckung des „Schurken“.

Als berechtigter Kritikpunkt wäre an dieser Stelle jedoch zu nennen, dass sich das Innenleben der Jugendlichen und ihre sozialen Ängste im Roman fast ausschließlich auf der körperlichen Ebene abspielen. Ehrlicherweise: Es geht ziemlich viel um Sex in diesem Buch und ebenso in Julias Einträgen. So mag der Eindruck entstehen, dass der geistige Horizont eines pubertären jugendlichen Menschen schon an der Bettkante aufhört und so gut wie keine weiteren Themen den sozialen Druck definieren. Freytag gelingt es zwar immer mal wieder kleine Nuancen der Abwechslung reinzubringen – fast beiläufig werden Themen wie Alltagsrassismus und der starke Druck von einflussreichen Eltern angesprochen – hier hätte es aber gerne noch ein bisschen mehr sein dürfen.

Doch das ändert nicht das Geringste daran, dass es sich bei diesem Werk um einen vollkommen empfehlenswerten und wertvollen Roman handelt, der nicht nur aufklärt sondern auch Mut macht und in diesem Punkt kann er nur alle seltsamen amerikanischen Mobbing-Stories übertreffen, die weiß machen wollen, dass es nun mal die Coolen und die Uncoolen gibt und diese unveränderliche Grenze für immer gilt. Anne Freytag lässt sich darauf in ihrem Buch nicht ein. Die kompletten 400 Seiten zielen letztendlich darauf ab, dass es diese Grenze eben nicht gibt und man mit Ehrlichkeit zu sich selbst sein Schicksal gestalten kann. Gerade für junge Leserinnen und Leser ist das ein wichtiges Zeichen.

Als Krönung begleitet Das Gegenteil von Hasen eine großartige Musikauswahl. Die Songs, welche die Figuren auf ihren Wegen begleiten, sind dankenswerterweise im hinteren Einband vermerkt und tatsächlich auch schon in einer Spotify-Playlist versammelt.

Zusammengefasst: Es kommt manchmal vor, dass man ein Buch vor dem Lesen zunächst mit gewissen klischeehaften Erwartungen belegt. Umso großartiger ist es, wenn diese gänzlich aus der Welt gefegt werden. Das Gegenteil von Hasen ist etwas ganz Fantastisches!


Anne Freytag
Das Gegenteil von Hasen
Heyne fliegt 2020
416 Seiten
17,00 Euro