Vom schwarzen Gott

von Paulina Lemke (2. August 2020)

 

„Urgroßvater, Großvater, Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt. Zu Wasser, zu Lande und in der Luft.“ Bov Bjerg erzählt in seinem neuen Roman von einer Familientradition, die dem schwarzen Gott anheimgefallen ist, vom Lebenskampf eines Vaters gegen den Suizid. Kurvenreich und düster verhandelt Serpentinen die Kluft zwischen Verantwortung und Verrat, zwischen „Familienbla“ und eigener Identität.

Es ist die letzte Reise von Vater und Sohn. Die Rückkehr in die Heimat und Schwäbische Alb hat allerdings wenig mit einem Ferienurlaub zu tun. Nein, hier wird mit dem Instinkt nach Auslöschung gerungen und fieberhaft nach einem Ausweg gesucht. Immer wieder vergewissert sich der Ich-Erzähler ein guter Vater zu sein, den Sohn nicht im Stich zu lassen, ihm alles zu ersparen. Doch dann kommen die Erinnerungen, das Kindheitstrauma und die Depression. Alles scheint am Abgrund, der letzte Schritt schon halb getan.

Schlangenlinien: So weit gekommen!

Bov Bjergs Serpentinen ist alles andere als geradsinnig. Unzuverlässiges Erzählen und parataktische, oft zu Ellipsen reduzierte Sätze, führen den Leser in eine Welt, die keine Ordnung, keine Trennung zwischen Gestern und Heute kennt. Oft fragt er sich wie der Sohn: „Um was geht es?“. Die Antwort des Vaters: „Ser-pen-ti-nen!“. Und der Titel wird zum Programm. Hoch und runter, hin und her – was die nächste Kurve bringt, ja wie es weitergehen soll, bleibt ungewiss. Doch zwischendurch gewährt die Fahrt am Abgrund einen Lichtblick. Denn solang der Motor nicht stillsteht, solang Vater und Sohn „Schlangenlinien“ fahren, ist kein Ende in Sicht. Oft steht der Ich-Erzähler vor der Entscheidung, es Abraham dem Mördervater gleich zu tun. Die Rückschau auf „So weit waren wir gekommen.“ kann dabei als endgültiger Abschied, vielmehr jedoch als ein bekräftigendes Besinnen gelesen werden, als gemeistertes Etappenziel. Dennoch lässt das Ende kein finales Bezwingen des Berges, keinen entschiedenen Bruch mit der Selbstmörderdynastie zu. Bov Bjerg ist es mit Serpentinen gelungen, den zerrissenen Geisteszustand eines Vaters in Worte zu bannen. Der Roman entfaltet sich als dunkler Sog, dazu ermächtigt, Leben und Tod erneut auf die Waagschale zu werfen – das Ergebnis: Nicht messbar!


Bov Bjerg
Serpentinen
Claassen 2020
272 Seiten
22,00 Euro