Die Hölle, das ist der Alltag

von Sebastian Meisel (5. August 2020)

 


„Die Welt war aus den Fugen und voller Erbärmlichkeit, voll widerwärtiger und komplizierter Geschichten“. Ein Satz wie ein Hammerschlag. Etwas stimmt nicht. Mit der Gegenwart, der Zeit, dem Menschen. Marion Messinas Debüt Fehlstart schleudert solche Sätze wie Anklagepunkte in die Welt heraus – an den besten Stellen. Und gleichzeitig ist es eine erschreckend banale, ja manchmal peinliche Liebesgeschichte – an den schlechtesten Stellen. 

Im Zentrum der Handlung steht Aurelié. Aufgewachsen in Grenoble, scheint sie den vorgezeichneten Weg eines Mädchens aus der französischen Mittelschicht zu gehen. Abitur, Aufnahmeprüfungen an Hochschulen, Stipendium, Abschluss und schließlich ein langweiliger, aber gut bezahlter Job. Aus verschiedenen Gründen bleibt nur ein Studium im Heimatort, nicht aus Leidenschaft, sondern aus Notwendigkeit – weil man es eben so tut. Dabei lernt sie, in einem der zahllosen Nebenjobs, Alejandro kennen, ihre wahre, echte Liebe.

Das klingt nach Teenie-Schmonzette? Das ist es auch. Man kann sich des Eindruck nicht erwehren, dass hier eine völlig konventionelle Romanze zum narratologischen Mittelpunkt des Romans aufgepumpt wird, die aber überhaupt keine Struktur vorgibt. Aus dieser Liebe entstehen nur simple Handlungstreiber, bevor es ebenso vorhersehbar – deus ex machina – zum plötzlichen Wiedersehen kommt – da schon in Paris, natürlich.

Messina als weiblicher Houellebecq?

Konzentriert man sich auf inhaltliche Fragen, ist dem Roman dabei durchaus etwas abzugewinnen. Nein, der Verlag tat Messina keinen Gefallen, einen Vergleich mit Houellebecq anzustellen. Womit man es viel eher zu tun hat, ist eine Art invertierter Houellebecq. Die Figuren Messinas sind durchweg nett und freundlich, zwar leer und antriebslos, aber dennoch mit Hoffnung und dem Zorn der Jugend. Im Gegensatz zum französischen Meister, der stets nur Männer fortgeschritten Alters mit erektiler Dysfunktion auftreten lässt. Zwar sind es in Fehlstart oft die Männer, die für die Stereotype hinhalten müssen (bindungsunfähig, sexbesessen), während es bei Houellebecq die Frauen sind. Aber all das rechtfertigt keinen Vergleich, nicht einmal eine Gegenüberstellung. Vergleichbar ist allein der Gestus der Abrechnung mit der französischen, westlichen Gesellschaft. Die Wut auf der Verhältnisse, die einer kulturellen Selbstaufgabe gleich kommen. Der frustrierte Blick auf die „Normalität“. Hier läuft Fehlstart zu der großen Form auf. Hier, wenn man die Wut spürt, auf die Ausweglosigkeit des Daseins, werden die Sätze glatter, das Tempo schneller, die Handlung nebensächlich. Schade, dass dies an zu wenigen Stellen der Fall ist.


Marion Messina
Fehlstart
Carl Hanser Verlag
168 Seiten
18,00 €