Im Westen nichts Neues

von Sebastian Meisel (9. August 2020)


Téa Obreht vereint alles, was nötig ist, um zum Olymp der Schriftstellerinnen aufzusteigen: Sie ist jung, Feministin, hat eine Migrationsgeschichte. Und sie hat ein nicht zu leugnendes Talent fürs Schreiben. Man muss annehmen, dass dieser Aufstieg sehr bald der Fall sein wird, wenn man die begeisterten Kritiken zu ihrem neuen Roman Herzland intensiv gelesen hat.
Aber der Reihe nach: Téa Obreht stellt in ihrem zweiten Roman eine Welt vor, die den meisten schon bekannt sein dürfte: Sie spielt im so genannten „Wilden Westen“, jener archaischen, mythisch verklärten Zeit ohne Gesetze, der Pioniere und der Schuld. Hauptspielort der Handlung ist Amargo, ein fiktives Städtchen im Jahre 1893. Die Verfallserscheinungen des Wilden Westens zeigen sich hier schon: Längst geht es nicht mehr um romantische Aneignung eines unbeherrschten Landstriches, um Gold und Pelze, sondern um den Anschluss an Eisenbahnstrecken und an die Industrie. Es ist eine Zeit des Zwischens, eingeklemmt zwischen archaischer Besiedlung und der beginnenden Moderne. Alles ist im Fluss, Gewissheiten existieren nicht, existierten vielleicht nie. 

Im Mittelpunkt der Erzählung steht Nora Lark. Sie bewirtschaftet mit ihrem Mann und den drei, eigentlich vier, Kindern einen Hof in der Nähe Amargos. Daneben gibt es die üblichen kriminellen Großbauern, verschlagene Sheriffs und, ja, „Indianer“. Und ein Monster, das der jüngste Sohn gesehen haben will. Ein fast schon, sieht man vom Monster ab, stereotypes Bild des Wilden Westens. Der Leser erfährt nur, dass der Mann und auch die Söhne fort sind. Wohin, das ist unbekannt, ebenso, ob sie wiederkommen werden. Allein mit ihrer Gehilfin muss sich Nora also behaupten, den Spuren nachgehen, sich kümmern. Konterkariert wird die Erzählung allerdings durch einen zweiten Hauptprotagonisten: Lurie Mattie. Der heißt eigentlich anders und kommt aus dem damaligen Osmanischen Reich. Insgesamt dauert die Rahmenhandlung nicht weniger als vierzig Jahre. Im Mittelpunkt hier: Ein Kamel und jede Menge Geister und Tote.

Die Leere der Prärie

An dieser Stelle zeigt sich der größte Kritikpunkt: Alle Figuren verbleiben in einer seltsamen emotionalen Entfernung zueinander, aber auch zum Rezipienten. Das kann man so inszenieren, wie zum Beispiel Cormac McCarthy in seinem Western Blood Meridian vorgemacht hat. Aber in diesem ist der Kern der Handlung ein anderer. McCarthy zeigt, dass die Eroberung des Westens eine blutige, auf widerliche Art und Weise grausame Handlung war, die nur von innerlich erkalteten Psychopathen bewerkstelligt werden konnte, deren eigentliche Menschlichkeit deshalb vor ihrem Einsatz von der Gesellschaft vernichtet werden musste. In dieser Welt des Bösen gibt es nichts Gutes mehr, nicht mal mehr den Begriff. In Herzland muss dies notwendigerweise anders sein. Denn wenn das Ziel ist, die Perspektive zu ändern und den Marginalisierten eine Stimme zu geben, dann muss bei diesen auch Gutes vorhanden sein. Als Produkte der Gesellschaft sind sie damit Opfer und Täter gleichermaßen. Unter einer solcher Perspektive verformt sich die Figurenzeichnung jedoch zum Holzschnitt. Die Rollen werden getauscht. Wie der Held des klassischen Western bei all seinen Taten am Ende immer wieder nur gut sein konnte, gleichgültig wie viele Desperados von ihm in einem Saloon erschossen wurden, seine Funktion als guter Held musste alles als moralisch richtig erscheinen lassen. In diese Rolle, nur ohne die Motivation des Heldenhaften (die postheroische Gesellschaft lässt grüßen), werden nun die neuen Hauptfiguren gedrängt. Auch sie blieben im Makel makellos.

Ob dies nicht nur eine Fortschreibung des alten Mythos ist, muss jeder selbst entscheiden. Mit der Zertrümmerung des Wilden Westens wie bei McCarthy, oder schon weit vorher bei Faulkner, hat dies nichts zu tun. Die Anlage ist dafür zu zweidimensional. Das durchweg vorhandene Sprachgefühl und das Talent der Zusammenführung von unterschiedlichen Erzählsträngen wirkt daher nur umso bedauerlicher. Denn am Ende steht ein Roman, der sich nicht traut, etwas sein zu wollen: Entweder Empowerment-Literatur oder Mythoszertrümmerung. Das Werk bleibt ein zweifelhafter Hybrid, dessen Anlagen viel versprechen und durch die Handlung wenig eingeholt wird.


Téa Obreht
Herzland
Rowohlt Berlin
510 Seiten
24,00 Euro