Eine Familie am Abgrund

von Paulina Lemke (9. August 2020)


Katya Apekina scheut sich in ihrem Debütroman nicht. Im Gegenteil, ungeschönt und mit entblößender Klarheit erzählt sie von den Kräften, die in einer Familie wirken können, von emotionaler Abhängigkeit und Verlust. Je tiefer das Wasser streift daher nicht nur die heile Oberfläche, sondern sinkt hinab zum sprichwörtlichen Morast. 

Nach dem versuchten Suizid ihrer Mutter werden die Schwestern Edie und Mae in die Obhut ihres weltberühmten Vaters Dennis gebracht. Ein Schriftsteller, der seine Frau und Kinder vor Jahren verlassen hat. Für Edie der offensichtlich Fremde, für Mae die Chance eines Neuanfangs. Ausflüge und gespielte Nähe scheinen die verlorenen Jahre jedoch nicht füllen zu können, zumindest nicht für Edie. Sie verweigert sich der Idylle und reist nach Louisiana, kehrt zurück zu ihrer labilen Mutter und dem Gefühl, allein für sie verantwortlich zu sein. Mae driftet stattdessen immer weiter in ein toxisches Vater-Tochter-Verhältnis ab. Dennis, der nie über Marianne hinweggekommen ist, der damals seine Frau zum Schreiben brauchte, zwingt seiner Tochter nun die Rolle künstlerischer Inspiration auf – lässt Mae ihre Mutter spielen. Was sich als vertrackter Coming of Age Roman ankündigt, wird hier zum Fallgrubensystem perverser Art.

Im Namen der Kunst: Wie weit darf man gehen?

„Ich würde gern bleiben, aber ich sehe, dass ich alles Gute aus Dir sauge...“ Dennis scheint wohl zu wissen, dass seine Kunst Opfer fordert. Doch im Namen der Kunst scheint alles möglich und so ändert er nichts an den abnormen Machtverhältnissen. Ungeachtet der väterlichen Verantwortung ist das Schreiben höhergestellt als Mae und dazu berechtigt, sich anzueignen, was es braucht. Auch Marianne verletzt. Ist es bei ihr nicht die Kunst an sich, so doch ihre Kreativität, die keine Grenzen kennt. Ohne Gewissen sieht sie Mae als bloße Erweiterung ihrer Selbst und beansprucht Edies kindliche Unbesorgnis ganz für sich.
„Kunst ist ein Messer. Du musst bluten!“ In dieser Familie haben alle geblutet, alle Wunden durch Kunst erlitten. Mit Je tiefer das Wasser ist Alpekina ein Roman gelungen, der seinesgleichen sucht. Multiperspektivisch angelegt, schafft er Nähe und Distanz, schaut in den Abgrund und erzählt von lichteren Momenten. Ein Zusammenspiel, das Familie und Kunst neu verhandelt, ja begreift, dass in ihrem Namen nicht immer ein sicherer Ort entstehen kann. Das Debüt zeigt sprachgewaltig: Nicht immer ist gar nicht so selten!



Katya Apekina
Je tiefer das Wasser
Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit
Suhrkamp Insel 2020
396 Seiten
24,00 Euro