Unterhaltsame Bilderbuchgeschichten, aber ohne großen Überraschungseffekt.

von Jasmin Wieland (10. August 2020)


„Vom Autor von Der kleine Drache Kokosnuss“, wirbt der Sticker rechts oben auf dem Cover. Die Rede ist vom gefeierten Ingo Siegner. Und nun? Um ein wenig vom Dauerstempel „Drache Kokosnuss“ abzulenken und zu zeigen, dass Siegner auch noch mehr kann als Drache – oder einfach, um eine programmatische Lücke zu schließen und die Kurzabenteuer rund um Erdmännchen Gustav in einem Sammelband zu veröffentlichen – erscheint Erdmännchen Gustav und seine lustigen Abenteuer nach dem Hörbuch nun auch in gedruckter Fassung. Strategisch eine nachvollziehbare und für die kleinen und großen Leser gute Entscheidung, lassen sich die Geschichten doch wunderbar in einem Büchlein bündeln, mit Erdmännchen Gustav und dem Ausgangspunkt und Lebensraum Zoo als Drehscheibe. 

In gewohnter Siegner-Manier mit Kulleraugen und rundlich-niedlicher Zeichenart erobern auch die Figuren in Erdmännchen Gustav und seine lustigen Abenteuer schnell das Herz des Lesers. Abenteuer 1: Nachts auf dem Sambesi. Gustav und seinen Allzeit-Weggefährten Rocky und Pauline ist langweilig. Was tun? Gustav hat die zündende Idee: Sie laden einfach die Elefantenkindern zu einer Fahrt auf dem Sambesi-Fluss ein. Gesagt, getan. Und schwuppdiewupp sind sie über die Maulwurfstunnel bei den Elefanten und mit Elefanten-Hilfe beim Fluss angelangt. Doch auweia! Ein großer Uhu packt Rocky und fliegt mit ihm davon. Klar wie Zoobrühe… die ganze Truppe setzt sich in Bewegung, um Rocky zu retten. Abenteuer 2: Gustav vor, noch ein Tor! Im Zoo ist Fußballtag und alle kicken begeistert, bis Kurt, der Maulwurf, das Wort „Freizeitkicker“ fallen lässt und die anderen Tiere damit kränkt. Die Roten, ein Menschen-Fußballteam, könnten das viel besser. Das sind nämlich Profis. Doch die Erdmännchen sind überzeugt: Was die können, können wir schon lange! Und damit steht die Wette. Ein Spiel der Zootiere gegen die Roten wird veranstaltet und wenn die Zootiere ein Tor schießen, gilt die Wette als gewonnen. Abenteuer 3: Spurlos verschwunden. Es regnet. Die Stimmung im Zoo ist mies, bis auf Gustavs Laune. Der findet Regen nämlich super und möchte gerne einen Stadtspaziergang machen. Da niemand mitkommen will, begibt er sich allein in die Stadt und hüpft durch die Pfützen. Plötzlich macht es einen Rumms. Gustav ist mit einem kleinen Jungen auf dem Fahrrad zusammengestoßen. Sein Bein tut weh. Doch Rettung naht und sowohl der kleine Junge als auch Gustav kommen ins Kinderkrankenhaus. Ein Tag um der andere verstreicht und im Zoo machen sie sich langsam ganz schön Sorgen, wo Gustav steckt.

Drei Abenteuergeschichten, die dramaturgisch recht identisch aufgebaut sind: Im Zoo ist irgendwie der Wurm drin – Langeweile, Regen – oder wie bei Geschichte zwei, scheint die Welt außerhalb des Zoos spannender zu sein als die im Zoo. Exit: Maulwurfstunnel. Eine geniale Idee Siegners, die Zoowelt durch Maulwurfstunnel mit der Menschenwelt jenseits der Zoomauern zu verbinden, zumal dieses Element durch das Unterirdische auch etwas Geheimnisvolles hat. Dann beginnt jeweils das Abenteuer und prompt der Vorfall: Rocky verschwindet, haushohe Fußballüberlegenheit der Roten, Fahrradunfall. Schaffen es die Tiere, das Ruder der Geschichte herumzureißen? Ja, ja und nochmals ja. Am Ende steht in jubelnder Kinderbuchmanier ein Happy End. Rocky ist befreit, das Tor geschossen und Gustav wird im Krankenhaus von seinen Freunden besucht. Durchatmen.

So niedlich und freundlich wie die Charaktere ist auch die Stimmung der Geschichten. Bis auf den Uhu gibt es keine Antihelden. Die Stärke der Geschichten und der Tierwelt liegt im Teamcharakter – ein durchweg harmonisches Miteinander, das den Grundstein für den positiven Ausgang der Geschichten legt. Es ist eine heile, friedvolle Welt, die uns Siegner hier präsentiert. Es wird gescherzt, es wird gelacht und vor allem wird viel gesungen! Ist das womöglich eine versteckte Leidenschaft Siegners? Zwischendrin hört man auf zu zählen bei der Fülle an lustigen, kreativen und perfekt auf die Kindersprache abgestimmten Liedern in Reimform. Auch wenn es an der ein oder anderen Stelle vielleicht etwas zu viel wird, beweist hier Siegner zweifellos sein Können! Die Lieder tragen wesentlich zur Steigerung des Unterhaltungswerts des Bilderbuchs bei. Darüber hinaus ist es die Situationskomik, die vor allem durch die Illustrationen bestärkt wird, etwa wenn Werner, der Maulwurf, mit seinem Stäbchen und mit Brille und Capi die Fußballtaktik erklärt, oder Gustavs Bein mit einem Bundstift geschient wird. Leider beruht die Komik jedoch gerade auch im ersten Abenteuer auf Stereotypen beziehungsweise typischen, den Tieren zugeordneten Merkmalen. So sagt beispielsweise der Marabu zur Flusspferddame, sie seien dicke Freunde, sie dick und er freundlich, worauf die Flusspferddame den Marabu als „dürres Suppenhuhn“ bezeichnet, dann aber doch alle lachen müssen. Darüber hinaus ist auch die Frage, inwieweit der Schauplatz Zoo noch zeitgemäß ist? Debatten um artgerechte Tierhaltung reißen nicht ab. Gleichzeitig zeigen die zahlreichen Tierdokus der Öffentlich-Rechtlichen, dass ein Markt nur da existiert, wo Nachfrage besteht und Einschaltquoten gegeben sind. Siegner schickt seine Erdmännchen also nicht in die Wildnis im Süden Afrikas, sondern in den Zoo Hannover. Hier finden sich die Tiere in einem natürlichen, doch künstlichen Umfeld wieder, in dem unterschiedlichste Lebensräume aufeinandertreffen. Für Siegner und seine Figuren bietet dies den Spielraum, die unterschiedlichen Gehege zu entdecken, auch wenn das in der Praxis natürlich so nicht möglich ist. Dabei sind das Zusammenleben und die Kommunikation der Tiere sowie das Zooleben an sich kindlich idealisiert.

Erdmännchen Gustav und seine lustigen Abenteuer ist ein Bilderbuch, das seinem Namen alle Ehre macht. Der Unterhaltungswert der Geschichten ist zweifelsohne gegeben, doch darf man Siegners Konzept auch kritisch hinterfragen. Ist es in der heutigen Zeit und Gesellschaft nicht ein wenig realitätsfern, sich lediglich dem Unterhaltungswert anzunehmen? Brauchen wir im Bilderbuch nicht inzwischen immerzu ein Element, dass sich für ethnische Vielfalt, dem Aufbrechen klassischer Rollenverteilung etc. einsetzt? Oder darf ein Bilderbuch das pure Friede-Freude-Eierkuchen-Szenario aufgreifen, in dem nichts Schlimmeres passiert, als dass Rocky, das Erdmännchen verschwindet? Ja sicher, das darf es. Denn das sind Kindersorgen: Von der Familie verloren zu gehen, ein Spiel zu verlieren, sich das Bein zu brechen. Und dennoch lässt einen das Gefühl nicht los, dass irgendeine tiefere Botschaft in den Geschichten fehlt. 



Ingo Siegner
Erdmännchen Gustav und seine lustigen Abenteuer
cbj 2020
96 Seiten
10,00 Euro