Wie viel Liebe kann ein Mensch geben?

von Martje Kuhr (12. August 2020)


Yale Tishman, ein Kunstexperte, versucht eine ganz besondere Sammlung für seine Stiftung zu gewinnen. Seine Arbeit ist eine gute und auch seine einzige Ablenkung, während seine Beziehung zerbricht und sein Freundeskreis von einer Epidemie ausgedünnt wird. 1985 wird Chicago von Aids heimgesucht. Von ihren Familien allein gelassen sitzen, die Freunde gegenseitig an ihren Krankenbetten, damit niemand allein sterben muss. Mitten im Geschehen steht Fiona, die gar nicht weiß, um wen sie sich zuerst kümmern sollte. 30 Jahre später sucht sie in Paris nach ihrer Tochter, welche schon seit Jahren den Kontakt zu ihr abgebrochen hat. Hat Fiona all ihre Zuneigung bereits für ihre kranken Freunde verbraucht, sodass für ihre Tochter nicht mehr genug übrig war? Als sie bei einem alten Freund aus Chicago unterkommt, wird sie brutal mit ihrer Vergangenheit konfrontiert. 

Hast du Angst, dass du stirbst oder dass du nicht stirbst?

Rebecca Makkai umreißt mit ihrem Roman die Ausmaße einer grausamen Epidemie; wie sie Familien zerreißt und Existenzen zerstört aber ebenso neue, vorher unentdeckte Freundschaften entstehen lässt. Ein unvorstellbarer Härtetest für alle Beteiligten, welcher auch noch Jahre später seine Spuren hinterlässt. Wie viel Liebe kann man geben? Und wann wird sie eher zum Fluch als zum Segen? Wie ergeht es den Sterbenden und wie den Überlebenden? Makkai führt liebevoll in die Thematik ein, ohne dabei zu romantisieren. Es ist unumgehbar von der Grausamkeit überfallen zu werden, die gerade durch die vorsichtige Wortwahl beim Lesen in der Brust zu spüren ist. Die Optimisten erzählt die Geschichte der schwulen Männer erbarmungslos genau. Aber vor allem erbarmungslos schön.



Rebecca Makkai
Die Optimisten
Aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell
Eisele Verlag 2020
624 Seiten
24,00 €