Die menschliche Seele eines Halbgotts

von Celine Buschbeck (16. August 2020)


»Er wird ein Gott sein«, sagte sie. […] »Du wirst früh genug sterben.«

Achill, der Sohn der Meeresgöttin Thetis und des König Peleus, wurde schon als Held geboren und ist zu großen Taten berufen. Er ist stark, schön und weist keinerlei Makel auf. Der junge Prinz Patroklos hingegen, wurde als schwaches Kind schon jeher von seinem Vater herabgesetzt und schlecht behandelt. Der Zufall bringt die beiden gegenteiligen Jungen zusammen und sie knüpfen ein enges Band, welches bald über eine einfache Freundschaft hinausgeht. 

Madeline Miller formt aus dem Stoff der Ilias einen weiteren Roman, der von griechischen Mythen erzählt. Dass sie dabei nicht die Liebe zwischen Paris und Helena in den Mittelpunkt stellt, sondern die weniger bekannte Romanze zwischen dem unbeholfenen Patroklos und dem strahlenden Achill, ist erfrischend. Zwar wird in der Ilias nur von einer tiefen Freundschaft gesprochen, es gibt jedoch auch Stoffe wie der von Aischylos, der von einer Beziehung zwischen Liebhaber Achill und dem Geliebten Patroklos spricht.

Das Lied des Achill ist entgegen des Titels aus der Sicht von Patroklos geschrieben, der die Ereignisse kommentiert und zunächst seine Geschichte offenlegt. Nach der Verbannung aus seinem Heimatland und der Aberkennung seiner königlichen Herkunft, landet dieser bei Peleus, der ihn bei sich aufnimmt. Anfangs noch skeptisch und eifersüchtig auf Achill, wird Patroklos vom Halbgott selbst als sein engster Vertrauter ausgewählt und schwört ihm Treue. Was mit einer tiefen Verbundenheit began, entwickelt sich in einem angemessenen Tempo zu einer Seelenverwandtschaft. Dabei sind gerade die Dialoge und die ruhigen Szenen zwischen den Beiden ein wahrer Lesegenuss. Die Romanze wird nicht schnell abgehandelt, sondern man spürt die starken Gefühle und kann sie nachvollziehen. Die Autorin schafft es zudem, den Roman nicht in einen kitschigen Liebesschmöker abrutschen zu lassen. Gewaltsame Szenen wechseln sich mit ruhigen Landschaftsdetails und leichteren Sequenzen zum Aufatmen ab. Manchen mag der Detailreichtum der Autorin eventuell etwas zu langwierig sein, jedoch haben alle Hintergrundinformationen gegen Ende des Buches ihren Sinn.

Helden wachsen an ihren Aufgaben und selbst Achill, der vermeintlich schon von Anfang an nicht an Perfektion zu überbieten ist, lernt mit jeder Station und durch Patroklos etwas hinzu. Das Lied des Achill ist ein Roman für alle Liebhaber der griechischen Mythologie und zeigt eine andere Seite der Legenden rund um den Raub der Helena.



Das Lied des Achill
Madeline Miller
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Michael Windgassen
Eisele 2020
416 Seiten
16,99 €