Gesichterlesen für Anfänger und Fortgeschrittene

von Saskia Lackner (12. August  2011)

Eine einsame Arbeit.“ Die übliche Arroganz schwand aus seiner Stimme. Der selbstbewusste Professor verwandelte sich auf einmal in eine traurige Gestalt mit Halbglatze. „Sehr einsam. Ja, die Einsamkeit…“, seufzte er, und ich schwöre, ich habe Tränen in seinen Augen gesehen. Lara Cohen hätte nicht schockierter geschaut, wenn er seine Hose heruntergezogen hätte, um ein bisschen mit seinem Penis zu spielen.

 Mit einem nicht-selbstbewussten selbstbewussten Professoren, einem Metzger und Jack (eine Verkörperung von Elvis Presley) hat Edward eine, sagen wir, interessante Kindheit. Trotz eines norwegischen oder schwedischen oder dänischen Vaters namens Sören oder Gören (zu viel Wodka war da im Spiel gewesen) hat er die Nase, den Mund und die Augen seines Großonkels Adam und ist so für den verwirrten Großvater nicht Enkel, sondern meistens eher Bruder. Um die Familienidylle abzurunden gibt es dazu noch eine herrische Großmutter (Lara Cohen) und eine eher gegenteilige Mutter. Erstere mit Schwanenhals, zweitere ohne. Das Figurenensemble in Astrid Rosenfelds Roman „Adams Erbe“ ist bunt.

Mit dem King Jack werden im Zoo Elefanten besungen und allerlei Unsinn angestellt. Irgendwann erwachsen, ist Edward Besitzer einer Modeboutique, in der man sogar plüschige Schafe in Särgen käuflich erwerben kann.

Eines Tages – es kommt, wie es kommen muss – wird Edward von ihr überfallen: Von der große Liebe. Personifiziert durch Amy. Diese verschwindet leider nur allzu schnell wieder und stürzt den doch eigentlich ans Chaos gewöhnten Edward in ein Tief. Auf dem Dachboden, den sein mittlerweile verstorbener Großvater besiedelt hatte, findet er dann ein Tagebuch, Adams Erbe, das ihm die Geschichte hinter seinen Zügen verrät.

In Berlin beginnt die Geschichte vom verträumten Adam Cohen, der von seiner Großmutter das Gesichterlesen, das Trinken, aber nicht das Fürchten lernt. 1938 lernt er Anna kennen, doch sie verschwindet eines nachts. Zusammen mit dem Sturmbandführer Bussler geht er ins besetzte Polen, pflegt erst die Rosen einer Nazigröße und versucht da hineinzukommen, wo niemand hinwill: Ins Warschauer Ghetto. An Annas Stelle bleibt er dort und beginnt zu schreiben.

Zurück im heutigen Berlin geht die Suche nach Amy weiter und auch Anna wird wieder gefunden.

Astrids Rosenfelds erster Roman wird definitiv für himmelhochjauchzende und zu Tode betrübte Momente sorgen. Mit großen Kinderaugen ihrer teils so herrlich weltfremden Figuren sieht man eine bunte, lustige und grausame Welt. Die Sprache ist dabei teils herrlich trocken und regelmäßig hauen einem Aussagen eine runter – auf eine wundervoll positive Art und Weise.

Einziges Manko ist die isolierte Einbettung von Adams Erbe. Statt Geschichten und Schicksale verschmelzen zu lassen, geht die Autorin streng achronologisch vor: Erst das eine, dann das andere, dann der Rest.

Aber ihre Sprache, die starken Figuren und insbesondere die unglaublichen Großmütter in diesem Buch lassen einen dies schnell verzeihen und auf baldigen literarischen Nachschub hoffen.

Astrid Rosenfeld
Adams Erbe
Roman Diogenes
21,90 €