Wie viel unserer Familiengeschichte steckt in uns?

von Michaela Minder (16. August 2020)


In „Die Bagage“ verarbeitet Helfer Elemente ihre eigenen Familiengeschichte. Der Roman handelt von Maria Moosbrugger, ihrem Ehemann Josef und deren fünf Kindern. Maria ist die Großmutter der Autorin, wodurch bereits die Besonderheit dieser Erzählung anklingt. Viele biographische Elemente gehen auf Erzählungen von Helfers Tante, eine der Töchter von Maria, zurück. An manchen Stellen wird die Geschichte fiktiv ausgefüllt, was Helfer jedoch äußert organisch meistert. 

Gemeinschaft existiert nur gleichzeitig mit Abgrenzung

Die Bagage stellt den Grundkonflikt der Handlung unglaublich prägnant dar. Zu der Zeit des ersten Weltkrieges lebt Familie Moosbrugger am Rande eines Bergdorfes. Hier wird direkt die Zweidimensionalität der Ausgrenzung deutlich. Zum einen lebt die Familie abseits des Dorfes, und somit kein vollständiges Mitglied der Dorfgemeinschaft. Zum anderen ist dies lediglich ein Spiegel des Misstrauens, den die Bewohner des Dorfers der jungen Familie entgegenbringen. Die Erzählung beginnt damit, dass Josef zum Militärdienst eingezogen wird, woraufhin Maria mit den Kindern auf sich allein gestellt ist. Nur der Bürgermeister, der mit Josef geschäftliche Beziehungen pflegt und Maria wegen ihrer Schönheit begehrt, unterstützt sie aufgrund einer Abmachung mit Josef.
Dieser Roman illustriert soziale Konflikte so klar in all ihrer Härte, dass sich deutlich die Parallelen zur heutigen Zeit ziehen lassen. Eine einprägende Szene ist der Besuch eines Marktes auf den Wunsch des Bürgermeisters, bei welchem er sich Maria mehrmals übergriffig zu nähern versucht. Marias innerer Konflikt zwischen der Abhängigkeit von der Gunst des Bürgermeisters und der Abneigung gegenüber, dass er diese Hierarchie ausnutzt, wird hier erschreckend nachvollziehbar.
Die Mechanismen des kleinen Dorfes setzen sich in Bewegung, als Maria während des Krieges, bereits schwanger mit Margarete, Georg kennenlernt, und Josef nur zweimal zu Besuch war. Somit wird Maria ein Balg nachgesagt, welches ihr gesellschaftliches Ansehen weiter senkt. Auch Josef glaubt ihr nicht, dass das Kind das Seine sei und spricht folglich kein einziges Wort mit Margarete.

Zusammenfassend erzählt Helfer die Geschichte einer Familie, die sich in der moralischen Feindlichkeit der Provinz behaupten muss und dabei den eigenen Konflikten innerhalb der Familie erliegt.



Die Bagage
Monika Helfer
Hanser Verlag 2020
160 Seiten
19,00 €