Von Schneckentempo bis Jahreszeit

von Jasmin Wieland (18. August 2020)


Kommt Zeit, kommt Rat. Wie uns die vielen Sprichwörter demonstrieren, ist der Faktor Zeit aus unserem Leben nicht wegdenkbar. Doch wie erklärt man eigentlich den Kleinsten der Kleinen, was ‚Zeit‘ bedeutet? Die Antwort, so mag es zumindest die Idee Bernadette Gervais sein, ist eindeutig: Am besten abbilden! Und so zeigt sie in ihrem Bilderbuch für Kinder ab 2 Jahren unterschiedlichste Prozesse in einem Zeitverlauf. 

Was heißt Zeit? Und woran können wir eigentlich sehen, dass Zeit vergeht? Gervais hat sich der Natur gewidmet und zeigt verschiedene Prozesse des Wachstums, des Vergehens sowie der Bewegung. Wie wird aus einem Ei ein Schmetterling? Wie verändert sich eine Birne im Reifeprozess? Und wie schnell bzw. langsam bewegen sich eigentlich Schnecke, Katze und Ente fort? Das Ergebnis ist ein überaus durchdachtes Konzept, das sich gleichzeitig erst bei genauerem Hinsehen offenbart. Wo die Schnecke ganze vier Buchseiten Zeit benötigt, um vom linken Bildrand zum rechten zu kriechen, schafft es die Katze bereits auf zwei Buchseiten hin und zurück zu schreiten. Gleichzeitig beobachten wir Gegenstände im Zeitraffer: Ein Haus, über das eine Wolke hinwegzieht und über dem sich später ein Regenbogen bildet; ein Blatt, das sich im Lauf der Jahreszeiten verfärbt und fällt; ein Apfel, der erst aus einer Blüte entsteht und von dem später nur noch sein Kerngehäuse übrigbleibt. Die abgebildeten Prozesse sind dabei nicht aneinandergereiht, sondern über das ganze Buch hinweg verteilt. Auf jeder Doppelseite erfährt man etwas Neues und stolpert dennoch immer wieder über bereits Bekanntes. Gleichzeitig ist es auch ein wenig ein Rätselraten, wie die einzelnen Prozesse nun unter dem Faktor Zeit verglichen werden können. Der Lichtverlauf innerhalb eines Tages wird auf einer Seite präsentiert, im Vergleich bewegt sich die Schnecke auf einer Seite aber nur zwei Zentimeter fort. Gervais liefert somit auch eine Interpretation von Zeit und eröffnet die Frage nach dem eigenen Zeitempfinden. Wie schnell vergeht ein Jahr im Vergleich zu einem Hasensprung?

Für die optische Darstellung des Zeitverlauf hat sich Gervais für eine Vier-Phasen-Einteilung entschieden, sowohl bei den Abbildungen als auch beim Text. Warum bleibt zu mutmaßen. Vielleicht an die vier Jahreszeiten angepasst. Man weiß es nicht so genau. Auf alle Fälle wirkt die Einteilung sehr logisch, symmetrisch und passt gut auf eine Seite. Links finden wir jeweils Text, rechts die entsprechenden Abbildungen. Die Grundfarbe der Seiten ist schwarz, die Schrift auf der linken Seite, sowie das Kreuz, das die Abbildungen auf der rechten Seite teilt, weiß. Diese Mischung ist fürs Bilderbuch eher untypisch und erinnert mehr an Kunst- oder Designbücher. Nichtsdestotrotz verleiht die Farbenwahl dem Bilderbuch etwas sehr klassisch Elegantes und sehr Stilvolles. Doch handelt es sich hier wirklich um ein Bilderbuch für Kinder? Die Abbildungen sind keinesfalls niedlich oder verspielt, sondern realistisch. Die Farben sind gedeckt, sehr fein und erinnern beispielsweise beim Vogel, der sein Nest baut, an Jugendstil-Ästhetik. Künstlerisch ist es ein Mix aus Collage und Siebdruck. Einzig der Text beziehungsweise die Sprache ist es, die die Einordnung als Bilderbuch für Kinder rechtfertigt. Meist sind es kurze Sätze, oft stakkatoartig, die teilweise auch onomatopoetische Elemente aufweisen, etwa wenn die Schnecke „kriii…iii…iiiecht“. Ausrufe wie „Njam!“ oder „Fertig ist der Schneemann!“ gliedern sich ebenfalls in die Kindersprache ein. Dennoch ist die Sprache generell eine sehr sachliche, weniger erzählende, sondern beschreibende.

Halten wir also fest: Gervais Von Zeit zu Zeit ist kein Bilderbuch im klassischen Sinne, das heißt keines, das primär zur Unterhaltung dient, es ist eines mit geistigem Niveau. Vieles davon wird den Kleinen wohl vorenthalten bleiben, sondern vielmehr die Vorlesenden zum Nachdenken anregen. Das Beschäftigen mit der ‚Zeit‘ ist auch immer ein philosophisches, ein Reflektieren über das Leben an sich und dem Bewusstwerden der Vergänglichkeit. Die Schwärze der Seiten hat womöglich auch etwas Memento-Mori-haftes, andererseits zeigt der Kontrast der weichen Farben und die Ästhetik der ausgewählten Untersuchungsobjekte, etwa der Mohnblume, die sanfte Schönheit des Lebens. Man darf also gespannt sein, wie viel von dem Abgebildeten von den Kindern aufgefasst und verstanden wird. Von Zeit zu Zeit ist ein Experiment für Groß und Klein, das wohl mehr Fragen öffnet, als sie beantwortet und gleichzeitig zeigt, wie komplex und faszinierend Natur, Leben und Zeit sind. Verstehen werden wir sie wohl nie, es bleibt uns nur, sie zu beobachten. Und das macht Gervais auf ganz unkonventionelle, doch wunderbare Art und Weise.



Bernadette Gervais
Von Zeit zu Zeit
Aus dem Französischen übersetzt von Sarah Pasquay
Gerstenberg 2020
64 Seiten
16,00 €