Affäre mit Primzahlen

Von Anna Brodmann (19. August 2020)


Als Einstein und Gödel spazieren gingen
ist eine Essaysammlung zu mathematisch-naturwissenschaftlichen Phänomenen (auf ein Laien-Niveau heruntergebrochen) und die Auswirkungen dieser Erkenntnisse auf unser Weltverständnis. Meine Erwartungen waren durchwachsen. Einerseits hatte ich Lust meinen alten Bekannten (die Mathematik) mal wieder zu besuchen, zu schauen wie es ihm so geht und mir einen anderen Blick auf die Welt zu erschließen. Andererseits hatte ich Angst vor seinen zu umständlichen Erklärungen und den Flashbacks zu grausamen Mathestunden meiner Schulzeit. 

Mathematik, die man versteht

Doch schon die ersten Kapitel des 449 Seiten-Werkes belehrten mich eines Besseren. Jim Holt schafft es scheinbar überkomplexe Phänomene wie die Relativitätstheorie so zu erklären, dass man sie ohne nächtelanges Kopfzerbrechen verstehen kann. Er gibt einen unglaublich faszinierenden, ungewohnten Blick in die Welt der Mathematik. Wenn sich z.B. Dozierende der Princeton University nervös fragen, ob es in Ordnung ist, Gödel nach einem Autogramm zu fragen, wenn sie ihn zufällig im Supermarkt treffen, wird dem Leser langsam bewusst, dass die Welt der Mathematiker vielleicht doch gar nicht so anders ist als unsere.

Natürlich erhebt Holt mit seinen Erklärungen keinen Anspruch auf vollständig richtige Beschreibungen, aber er schafft es, hohe Mathematik in einfach Alltagsbeispiele wie Gitarrensaiten oder Autofahrten zu bannen und so tatsächliches Verständnis zu erzeugen. Dabei fordert er den Leser immer heraus, mitzudenken und den Absatz vielleicht noch einmal zu lesen – ohne dabei zu überfordern. Er vermittelt eine neue Art über die Welt nachzudenken und schafft es die abstrakte Schönheit von Zahlen, die Harmonie der Ordnung in Sprache zu fassen. Als ich dann irgendwann auf einer Party den Satz „Willst du mal was echt Cooles hören? Es geht um Primzahlen!“ sagte, wusste ich, dass das Buch mein Verhältnis zur Mathematik verändert hatte.

Ein Trauma wiederholt sich

Doch wie bei den meisten Affären begann es auch zwischen der Mathematik und mir irgendwann zu kriseln. Das lag weniger an der Mathematik, sondern mehr am Essay-Format des Buches. Dies ermöglicht es einerseits verständlich und persönlich über Wissenschaft zu schreiben. Aber andererseits sind es genau diese Aspekte, die dem Buch zum Verhängnis wurden. Stellenweise werden die Essays mehr zu Rezensionen von Büchern, die Holt zur Recherche gelesen hat. Zudem hält er sich (wie es das Essay-Format auch erlaubt) mit seiner persönlichen Meinung nicht zurück. Dies wird vor allem dann zum Problem, wenn man als unbedarfter Leser gleichzeitig auf sein Fachwissen und seine Erklärungen angewiesen ist, um das Problem zu verstehen. Beispielsweise macht Holt keinen Hehl daraus, dass er Ada Lovelace, die landläufig als erste Programmierin gehandelt wird, nicht für mathematisch kompetent genug hält, um diese Leistung tatsächlich selbst erbracht zu haben. Im Zuge seiner Argumentation wirft er u.a. einer ihrer Biografinnen vor nicht genug Fachwissen zu haben, um Adas tatsächliche Leistung beurteilen zu können. Als Leser, der diese mathematische Kompetenz definitiv nicht hat, fühlt man sich so gezwungen blind auf Holt zu vertrauen, ohne die Möglichkeit zu haben sich eine eigene Meinung bilden zu können.

Schließlich wiederholte sich mit Als Einstein und Gödel spazieren gingen, was schon in vielen (literarischen) Affären zuvor geschah. Man macht weiter, obwohl schon klar ist, dass es nicht passt. Einfach weil es am Anfang doch so schön war und man hofft, dass die Begeisterung der ersten Kapitel zurückkehrt. Aber zumindest für mich kam sie nicht zurück. Es gibt einige Kapitel, die mich fast so sehr gepackt und begeistert haben, wie die ersten. Doch der Funke war verloschen. Spätestens als eine Seite nur aus Beispielrechnungen bestand, wusste ich, dass es vorbei war.

Das Buch ist in jedem Fall eine Erfahrung, die es v.a. Geisteswissenschaftlern mit wenig Mühe ermöglicht aus ihrer Blase herauszukommen und die Welt mit anderen Augen zu sehen. Allein die Essays zur Harmonie der Primzahlen und zum Natürlichen Zahlensinn sind die Anschaffung wert. Andererseits ist es trotz der großartigen Erklärungen keine leichte Lektüre und eignet sich nicht, um es am Stück zu lesen. Wer aber ein Buch für „immer mal wieder“ sucht und ein grundlegendes Interesse an Naturwissenschaften hat, kann 26 Euro auch deutlich schlechter investieren.



Jim Holt
Als Einstein und Gödel spazieren gingen – Ausflüge an den Rand des Denkens
Aus dem Englischen von Monika Niehaus und Bernd Schuh
Rowohlt 2020
449 Seiten
26,00 €