Ein Haus als Zeuge verschiedener Zeiten

Von Michaela Minder (22. August 2020)


Schädlich beginnt den Roman „Die Villa“ mit einem Prolog, der mit recht minimalistischem Satzbau die „Hauptfigur“, eine Villa im Gründerzeitbau, 1890 errichtet, beschreibt. Diese Villa ist der Dreh- und Angelpunkt für eine Geschichte, die zwischen 1931 und 1950 spielt. Hier wird bereits das Unterfangen Schädlichs klar, sich vom Ende der Weimarer Republik bis zu den Anfängen der DDR zu bewegen und in dieser Periode des ständigen Umbruchs, von einer Zeit in die nächste, die zur vorherigen nicht unterschiedlicher sein könnte, immer wieder zu besagter Villa als Konstante zurückzukehren. Gewissermaßen fungiert die Villa deshalb als Zeuge dieser verschiedenen Zeiten, aber auch als deren Spiegel, da sie sich nach außen hin mit ihnen verändert, aber tatsächlich im Kern einfach die Villa von 1890 bleibt. 

Der Autor beschreibt die Familiengeschichte um Elisabeth Kramer, mit ihren vier Kindern, die ab 1940 zusammen mit Ehemann, beziehungsweise Vater, Hans Kramer und Personal in der Villa der Kleinstadt Reichenbach im Vogtland leben. Hans Kramer steht für den klassischen Werdegang einer der neureichen Männer der 1930er Jahre, die das Regime der Nationalsozialisten als Karrierehilfe nutzten. Als er jedoch frühzeitig stirbt, ist Elisabeth mit ihren vier Kindern auf sich allein gestellt. Und somit spürt die Familie die Härte und Unerbittlichkeit des Krieges auf ganz neue Arten. Diese Alltagserfahrungen werden eingebettet in die historischen Ereignisse dieser Zeit, erfahren aber wenig Reflexion. Hier wird erneut der protokollartige, nüchterne Schreibstil Schädlichs auf der inhaltlichen Ebene deutlich. Gerade die distanzierte Erzählweise veranschaulicht, dass in den jeweiligen Momenten die persönlichen Belange genauso wichtig oder vielleicht sogar wichtiger als das politische Geschehen wahrgenommen werden. Folglich übernehmen die Lesenden die Reflexion.

Karge Erzählweise als Bereicherung?

Zusammenfassend ist bei diesem Roman Schädlichs minimalistischer, protokollartiger Erzählstil besonders auffallend. Vergeblich sucht man nach überladenen Beschreibungen, aber genau diese Reduzierung auf das Allernötigste, die Verweigerung von Interpretation und Spekulation, zwingt die Leser*innen, sich selbst die Geschichte auszumalen. Somit wird hier tatsächlich ein wahrhaft subjektives Leseerlebnis gewährleistet. Allerdings birgt eine solche Erzählweise auch die Gefahr, dass sie durch die wenigen Details und die reduzierte Ausführung, zu bruchstückhaft ist und tatsächlich den Lesefluss hindert. Letztendlich handelt es sich hier einfach um Geschmacksache von Seiten der Leser*innen.



Hans Joachim Schädlich
Die Villa
Rowohlt Verlag 2020
189 Seiten
20,00 €