Zwischen den Zeiten auf Island 

Von Paula Heidenfelder (30. August 2020)


Der Roman „Der Sommer der Islandtöchter“ von Karin Baldvinsson entführt die LeserInnen nach Island zu zwei verschiedenen Zeiten. Erzählt im Jahr 1978 sowie 2018, entdecken die Protagonistinnen Monika und Hannah ihren individuellen Weg: Monika möchte Malerin sein, ihren eigenen Weg gehen und mit den Konventionen der Eltern brechen. Hannah ist darüber erschüttert, dass sie ihren Traumberuf nicht mehr ausführen kann, steht in der Scheidungsphase von ihrem Mann und hat sich selbst verloren. Die beiden Erzählstränge sind von Anfang an miteinander verwoben, jedoch werden konkrete Verwicklungen, der Kapitel- und somit Zeitenwechsel, nicht sofort hergestellt. 

„Ich war mir noch nie so sicher. Ich will alles hinter mir lassen, ich will nicht an morgen denken, nicht daran, was andere für mich bestimmen wollen. Ich kann das nicht mehr.“

Akureyri 1978: Monika entstammt einer angesehenen, traditionsbewussten sowie konservativen Familie und ist in Deutschland mit Peter verlobt. Des Öfteren verfolgen die LeserInnen die Zusammenstöße zwischen der affektierten Art der Mutter mit den modernen Ansichten der Tochter. Die Protagonistin gehört zu einer neuen Generation, die sich nicht über ihren Mann definieren möchte. Somit zeigt sich schnell eine emanzipatorische Welle in der Geschichte sowie der Umgang verschiedener Menschen mit Konventionen und deren Ausbruch. Monika trifft zudem in ihrem Islandurlaub auf Kristján, beide empfinden eine intuitive Anziehung zueinander und die weibliche Hauptfigur kann zum ersten Mal sein, wer sie wirklich ist. Sie erkennt, dass es wichtigere Dinge als Geld und Ansehen gibt. Hierbei greift die Absolution der Eltern in Monikas Beziehung ein, sodass Zweifel und Unsicherheit gegenüber der Beziehung zu Kristján ihr weiteres Leben beeinflussen.

„Es war eine ganz eigene Melodie, die der Nordatlantik spielte, sie war niemals gleich, jeden Tag ein wenig anders, und doch auf seltsame Weise stetig und beständig.“

Húsavík 2018: Hannah zieht mit ihrem Sohn für ein Jahr nach Island. Den Verlust ihrer musikalischen Karriere verarbeitet sie erstmal nicht, sondern sucht nach neuen Perspektiven auf dem nordischen Inselstaat. Dort erkennt sie, wie schnell man sich an etwas gewöhnt, wenn man sich wohlfühlt, was jedoch auch an Hannahs Kennenlernen mit Jón, einem eingefleischten Isländer, den sie fälschlicherweise als Handwerker einstuft, liegt. Bald erkennen die LeserInnen, dass beide Figuren auf ihre eigenen Arten zerbrochen sind. Auch bei diesem Erzählstrang treibt primär der Mann die Protagonistin an, aus den Konventionen auszubrechen. Hierbei ist anzumerken, dass Oberflächlichkeiten und Vorurteile ebenfalls eine Rolle in dem Roman spielen. Durch den Erzählstrang von 2018 lösen sich die Knotenpunkte mit dem aus dem Jahr 1978 allmählich auf, wobei ein Krankheitsfall in der Familie Hannah zurück nach Deutschland eilen lässt, wodurch sich die Lüge der Identität ihres Vaters offenbart.

Missliche Lagen, Bürden des Lebens, Probleme in der Familie und alte Geheimnisse, welche die Gegenwart beeinflussen, verbinden die beiden Handlungsstränge miteinander. Beide Protagonistinnen spüren zu verschiedenen Zeiten eine Leere in sich selbst, fühlen sich verloren und werden durch (männliche) Figuren daran erinnert, dass das Leben viel mehr birgt.

„Es würde alles gut werden, sie sehnte sich nach Freiheit und Abstand, deswegen war sie hergekommen.“

Klare Satzstrukturen, ein angenehmes Erzähltempo und die gleich zu Beginn eintretende Möglichkeit, in die Stimmung der Geschichte der beiden Erzählzeiten eintauchen, ohne dass der Zeitenwechsel die Handlungen abbrechen lässt, ermöglichen das Entfliehen des Alltags der LeserInnen nach Island. „Der Sommer der Islandtöchter“ beinhaltet Schmerz, Trauer, Reue, Scham, Verzweiflung und Liebe in einem, wobei zweite Chancen, das Fassen von Mut und Happy Ends (Ausnahmen inklusive) nicht zu kurz kommen. Allumfassend werden Entscheidungen des Lebens offenbart, die von der Vergangenheit bis in die Gegenwart rückwirkend eingreifen.



Karin Baldvinsson
Der Sommer der Islandtöchter
Ullstein 2020
368 Seiten
9,99 €