Auf der Suche nach dem Glück in einer unperfekten Welt

Von Janet Ghotoyian (30. August 2020)


Ester wächst in Sardinien auf, sehnt sich jedoch nach dem Festland. Doch weder in Genua noch in Mailand findet sie ihr Glück. Stattdessen entscheidet sie sich dafür, wieder zurück nach Sardinien zu ziehen. Die Sehnsucht nach dem perfekten Ort bleibt für sie jedoch erhalten. Ihre Tochter Felicita fühlt sich dort hingegen schnell wohl. Sie fertigt in Cagliari Schmuck an und zieht allein ihren Sohn Gregorio groß. Gregorio träumt jedoch bald von New York. 

„Wie schafft man es bloß, an einem solchen Ort zu leben?“

Auf berührende und poetische Weise erzählt Milena Agus die Geschichte der drei Generationen. Die Charaktere sind sehr unterschiedlich und zeigen dadurch, wie anders man die Welt betrachten kann und wie verschieden Lebenswege verlaufen können. Gerade ihre Besonderheiten machen das Lesen so interessant. Während sich Ester nirgendwo vollkommen wohl fühlt, findet Felicita durch ihre positive Einstellung überall ihr Glück. Nicht einmal die unerwiderte Liebe zum adligen Sisternes, von dem sie schwanger wird, nimmt ihr etwas von ihrer Lebensfreude. Es scheint fast so, als ob Ester zum Unglücklich- und Felicita zum Glücklichsein bestimmt worden wäre. Felicitas etwas sonderbarer, aber musikalisch sehr begabter Sohn Gregorio beschließt hingegen, Sardinien zu verlassen und hofft darauf in New York, der Stadt der Musiker, seine Erfüllung zu finden. Doch auch er muss erkennen, dass in New York nicht alles perfekt ist und eine Stadt nicht allein für sein Lebensglück verantwortlich ist.
Nicht nur die vielschichtigen Charaktere werden sehr anschaulich beschrieben, sondern auch die Orte. Dadurch kommt man den beschriebenen Schauplätzen – vor allem Sardinien – sehr nah.

Ein perfektes Leben?

Während die Autorin von den Schicksalsschlägen der Familie erzählt, beschäftigt sie sich in ihrem neuesten Roman auch mit den großen Fragen des Lebens: Wie sieht ein erfülltes Leben aus? Wo befindet sich der perfekte Ort zum Leben? Was braucht man, um glücklich zu sein? Das regt zum Nachdenken an und sorgt dafür, dass die Geschichte einen nicht mehr loslässt. Eine fast perfekte Welt zeigt, dass es nicht den einen perfekten Ort und auch nicht das eine perfekte Leben gibt. Das Glück liege vielmehr in der Unvollkommenheit und jeder besitzt die Möglichkeit, es in dieser zu finden.



Milena Agus
Eine fast perfekte Welt
Aus dem Italienischen von Monika Köpfer
dtv Literatur 2020
208 Seiten
20,00 €