Trugbild oder Wirklichkeit?

Von Alicia Fuchs (13. September 2020)

Den Elfen der vier Höfe fehlt es an nichts – außer an Kunst. Da die den Menschen vorbehalten ist, brauchen die mächtigen Wesen Sterbliche wie die Porträtmalerin Isobel. Als diese in die Augen des Herbstprinzen Rook allerdings menschliche Trauer malt, macht sie seine Schwäche für alle sichtbar und bringt ihn in große Gefahr. Im Kampf um Leben und Tod begeben sich die beiden auf eine Reise, bei der nicht immer klar ist, was real ist und was nur schöner Schein. 

Die Handlung stellt die Beziehung zwischen Isobel und Rook deutlich in den Mittelpunkt, was zur Folge hat, dass die sich entwickelnde Liebesgeschichte fast konkurrenzlos den Plot lenkt. Wie die beiden starken Charaktere miteinander umgehen und sich einander trotz ihrer Unterschiedlichkeit nähern, ist nicht nur glaubwürdig und spannend, sondern ebenso unterhaltsam. Während die beiden Protagonisten gut ausgearbeitet sind, fehlt es allen anderen Figuren aber leider an Tiefe. Überzeugen kann dagegen der malerische Schreibstil, der für einen guten Lesefluss sorgt. Einzig die Vergleiche wirken an einigen Stellen etwas übertrieben, wenngleich sie kreativ sind.

Ungenutztes Potenzial

Die Welt, die Margaret Rogerson geschaffen hat, beeindruckt durch ihre besondere Atmosphäre. Egal ob sich die Szene auf einer mystischen Lichtung oder in einem Ballsaal zuträgt – die Autorin lässt das Setting auf jeder einzelnen Seite vor den Augen ihrer Leser*innen lebendig werden. Die Konstruktion dieser Welt ist hingegen ein Schwachpunkt des Romans. Besonders zu Beginn wird vieles über das Elfenreich und seine Zusammenhänge angedeutet, das zunächst Spannung erzeugt, später jedoch nicht wieder aufgegriffen wird. Dadurch weckt die Geschichte anfangs hohe Erwartungen, die die Handlung im weiteren Verlauf dann nur teilweise erfüllen kann. Mit Rabenprinz hat Rogerson einen Fantasy-Roman geschrieben, der durch den atmosphärischen Schreibstil und die Beziehung der Protagonisten überzeugt. Einzigartig wird das Werk vor allem dadurch, dass die Kunst einen so hohen Stellenwert hat. Insgesamt hätte aus Isobels Geschichte aber mehr werden können als die Autorin daraus gemacht hat. Die genannten Schwächen machen Rabenprinz zu einem Buch, das man gelesen haben kann, aber nicht gelesen haben muss.



Margaret Rogerson
Rabenprinz
Aus dem Amerikanischen von Claudia Max
Cbj 2020
384 Seiten
17,00 €