Unterricht im sibirischen Kriminellenkodex

von Marcel May (16. August 2011)

Mit dem Begriff des Kriminellen verbindet der westliche, justiznahe Leser auf Anhieb wenig positives, bedeutet er doch einen eindeutigen Gesetzesbruch und damit unkorrektes, falsches Verhalten. Ein Beispiel, wie der Aufbau eines ungewöhnlichen (und dennoch glaubwürdigen) Verbrecher-Images funktioniert, ist Nicolai Lilins autobiographisch motivierter Roman Sibirische Erziehung (2009 veröffentlicht). Der Erzähler, dessen Übereinstimmung mit dem Autor von Lilin selbst autorisiert wird, schildert das Aufwachsen und Leben Kolimas (so der Spitzname Lilins) in einer sibirischen Kriminellenfamilie der Ukri. Er endet vorläufig mit der zwischenzeitlichen Inhaftierung des erst 18jährigen, auf die im Nachfolgeband Freier Fall (Juni 2011) u.a. Kolimas Einsatz im Tschetschenienkrieg folgt.

Von Anfang an muss sich der Leser an erhebliche Grausamkeiten gewöhnen, denen der junge Kolima in seinem Umfeld begegnet – und an denen er teilnimmt – und die konkret, aber nie martialisch oder effektheischend beschrieben werden. Dank des Rückblicks sind alle Gewaltepisoden kommentiert und obwohl sich der Autor nicht von der Ehrauffassung der Ukri-Gemeinde, der Selbstverständlichkeit seiner Familie, Kriminelle zu sein, distanziert, reflektiert der erwachsene Lilin selbst vieles kritisch und verweist auf die prinzipielle Möglichkeit abweichender Perspektiven als der eigenen.

Aber ein derartig persönliches Buch kann nicht unparteiisch sein. Trotz Lilins angedeuteter Distanz fügt sich der Großteil der in der eigenen Familie begangenen Verbrechen passend in das Konzept von Ehre und prinzipientreuem kriminellem Verhalten. Selbst die Jagd und Erschießung mehrerer Vergewaltiger wirkt stimmig innerhalb des Kriminellensystems.

Wie ein Counterpart zur freiheitlich-individualistischen Gesellschaft erscheint der strenge Regelkodex, die Verachtung für alles dekadente, „widernatürlich“, in die Kolima hineingeboren wird. Teilweise entwickelt der Roman daher den Eindruck, ein Handbuch für die kriminelle Gesellschaftsordnung zu sein: „‘Pika‘, so heißt die traditionelle Waffe der sibirischen Kriminellen […]. Eine Pika kann man nicht kaufen, man kriegt sie auch nicht, weil’s einem so passt: Man muss sie sich verdienen. Ein junger Krimineller kann die Pika von jedem beliebigen erwachsenen Kriminellen bekommen, solange es kein Verwandter ist.“ Der „wohlerzogene sibirische Kriminelle“ ist dabei die Entsprechung des „ehrbaren Mafiosi“.

Durch die Betonung von Anstand, Höflichkeit, Respekt vor der eigenen Familie/ den Autoritäten und der konsequenten Umsetzung bestimmter Werte, verweigert sich Kolimas Welt einer eindeutig negativen Rezeption; stellenweise erscheint die portraitierte Gerechtigkeit, der Zusammenhalt der sibirischen Gemeinschaft (im Gegensatz zu anderen Bevölkerungsgruppen) geradezu vorbildlich: „Im Gefängnis bewegt man sich immer gemeinsam: Falls einem Bruder etwas passiert, ist er nicht allein.“ In manchen Bereichen (Stellung von Behinderten, Rollenmöglichkeiten für Frauen, Konsumkritik, Ablehnung des Profitstrebens) verhalten sich die puritanischen Ukri sogar fortschrittlicher als vergleichbare zeitgenössische Gesellschaften. Allerdings ist das Buch weit davon entfernt, glorifizieren zu wollen oder sich in sentimentaler Nostalgie zu verlieren.

Spannung und narrative Glaubwürdigkeit des Romans sind Lilins Fähigkeit zu verdanken, die Geschichte seines für die westliche Zivilisation fremden Aufwachsens umfassend, ungeschönt und dadurch überzeugend zu schildern. Mit Selbstironie und aufgebrochen durch viele eingeschobene Anekdoten und niemals plakative Lebensweisheiten („Keine politische Macht, unter welcher Flagge auch immer, ist so viel wert wie die natürliche Freiheit einer einzelnen Person“), die bestimmte kriminelle Regeln ohne falsches Pathos erläutern, erzählt der Autor seinen persönlichen Lebensweg nachvollziehbar und umsichtig, immer auf den mit der Kriminellenwelt unvertrauten Leser Rücksicht nehmend und ihn durch detaillierte Informationen für das Ungewohnte sensibilisierend. Lilin gelingt es, eine für Außenstehende schwer nachvollziehbare Perspektive nahe zu bringen – und (zumindest was Motivationen und Grundprinzipien der Verbrechergemeinschaft angeht) verständlich zu machen.

Lilin, Nicolai
Sibirische Erziehung
Aus dem Italienischen von Peter Klöss
Suhrkamp nova
451 Seiten
14,90 Euro