Die dunkle Seite Yales

Von Friederike Brückmann (13. September 2020)


Leigh Bardugo eröffnet sich mit „Das neunte Haus“ den Weg in die Erwachsenenliteratur und das gleich meisterhaft. Die Protagonistin Alex Stern hat keinen Vorzeigelebenslauf, besonders nachdem sie im Mittelpunkt eines Massakers aufgefunden wurde. Dennoch erhält sie überraschend ein Stipendium für Yale, und das nur, weil sie Graue sehen kann, die Geister der Verstorbenen. Alex soll als neues Mitglied des Hauses Lethe die acht Häuser des Schleiers überwachen, jene Studentenverbindungen, die mit dem Mystischem, Magischem und Gefährlichem experimentieren und weltweit an Macht dazugewinnen. Lethe überwacht diese Rituale und Experimente, um tödlichen Regelverstößen vorzubeugen. Zusammen mit ihrem Mentor Darlington lernt sie die abstruse und rücksichtslose Welt der Häuser von Yale kennen. 

LeserInnen sollten sich bewusst sein, dass in dem Buch potenziell triggernde Themen aufgegriffen werden, wie zum Beispiel explizite Gewaltdarstellungen, Drogenmissbrauch und Vergewaltigungen.

Eine Welt, so brutal und rücksichtslos

Alex Stern ist eine Figur, die die Grenzen des Guten und Bösen zu ihrem eigenen Vorteil dehnt und streckt. Auf zwei Zeitebenen erzählt, folgt man Alex durch ihre Anfangszeit in Yale und durch eine Krise, als eine junge Frau auf dem Campus ermordet wird und Alex allein herausfinden muss, ob die Häuser darin verwickelt waren oder nicht. Das konstante hin und her zwischen den Zeiten hält die Spannung aufrecht und füttert die Lesenden mit gerade genug Informationen, um selbst einige Schlüsse ziehen zu können. 

Bei der Ermittlung stellt sich Alex ihrer eigene Vergangenheit genauso oft in den Weg wie die Behörden und Machthabenden, denen es gar nicht passt, dass eine junge Frau ihre Nase in Angelegenheiten steckt, die seit Jahrzehnten toleriert und vertuscht werden. Alex größter Feind ist allerdings sie selbst, da sie die Traumata ihrer Vergangenheit nicht verarbeitet hat und sich allzu gerne vom schönen Schein Yales überzeugen lässt. Die abgebildete patriarchalische Gesellschaft mag zwar Fiktion sein, ähnelt der unseren aber auf eine erschreckend authentische Art. Die Welt, die Bardugo zeichnet ist detailverliebt, herausfordernd ehrlich und steckt voller Geschichte.



Leigh Bardugo
Das neunte Haus
Aus dem Amerikanischen von Michelle Gyo
Knaur 2020
528 Seiten
18,00 €