Sprache ist Macht 

Von Friedericke Brückmann (13. September 2020)


Wie definiert Sprache unser Denken? Wie definiert Sprache unser Sein? Und wo liegen die Grenzen dieser Sprache? All diesen Fragen geht Kübra Gümüşay in ihrem Buch „Sprache und Sein“ auf den Grund, beschreibt dabei mit Erlebnissen aus drei Sprachen ihre Ansichten und Beobachtungen. Die Autorin hat in Hamburg und London studiert, betreibt den erfolgreichen Blog „Ein Fremdwörterbuch“ und hat schon auf der TEDx-Bühne gestanden. Ihre Kampagne #ausnahmslos wurde mit dem Clara-Zetkin-Frauenpreis ausgezeichnet.

Hass ist keine Meinung

In zehn Kapiteln beschreibt die Autorin verschiedene Aspekte von Sprache und wie sie unser Leben und unsere Gesellschaft beeinflussen. Dabei greift sie auf Studien, Beobachtungen, altbekannte, aber auch neuere Erkenntnisse zurück und webt einen gehaltvollen Text, dem man Zeit zum Lesen und Verdauen zugestehen muss. Ausgestattet mit Perspektiven, die ein Allman niemals erreichen könnte, lenkt die Autorin den Blick auf die deutsche Sprache, die sich an Traditionen und „Das war doch immer schon so“-Argumenten klammert, die längst nicht mehr zu unserem vielfältigen Land passen.

„Vielleicht kann sich ein Mensch, der noch nie gegen eine Mauer gelaufen, der noch nie hart auf den Boden der Machtlosigkeit, des Kontrollverlusts, der Demütigung, der Einsamkeit oder der Sprachlosigkeit geschlagen ist - vielleicht kann so ein Mensch sich die Mauern, die sich tatsächlich durch unsere Gesellschaft ziehen, gar nicht vorstellen. Vielleicht läuft dieser Mensch neben einer solchen Mauer entlang, ohne sie auch nur zu spüren.“

Kübra Gümüşay zeigt wie tief Sprache in Rassismus, Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit etc. verwurzelt ist, wie wenig Chancen unsere Sprache nicht-Deutsch-gelesenen Menschen gibt und wie viel Raum dem Hass. Der Drang der Kategorisierung, der Erklärung des Neuen und Ungewohnten entmenschlicht allzu oft, als dass er hilft und plötzlich tragen Einzelpersonen die Bürde, alle Menschen ihrer „Kategorie“ zu repräsentieren. „Sprache und Sein“ ist ein Buch, das zum Nachdenken anregt, zum Reflektieren und Auseinandersetzen mit Sprache und welchen Menschen wir Macht mit ihr geben oder nehmen. „Sprache und Sein“ sollte Pflichtliteratur werden, für alle, die sich an einer zukünftigen Gesellschaft beteiligen wollen.



Kübra Gümüşay
Sprache und Sein
Hanser Berlin 2020
206 Seiten
18,00 €