Die Wahrheit des Löwens

von Philipp Schlüter (17.10.2012)

Sibylle Lewitscharoffs Roman „Blumenberg“ ist im Kern eine Hommage an den verstorbenen Münsteraner Philosophen Blumenberg, welchem eines Nachts das Wunder in Form eines Panthera Leo erscheint. Im Großen und Ganzen stellt dieses Buch jedoch die enigmatische Verknüpfung verschiedener Figurenschicksale dar, die sich alle im unmittelbaren Wirkungskreis Blumensbergs aufhalten.

Blumenberg, eines Nachts wieder die Ruhe seines Arbeitszimmers genießend, erblickt 1982 , ganz plötzlich, auf dem Teppich, einen Löwen, welcher „habhaft, fellhaft, gelb“ erscheint. Diese drei Adjektive bleiben im Kopf des Lesers hängen. Sie werden zu einer automatischen Assoziation, denkt man an diesen Roman, der 2011 publiziert worden ist. Analog zum Alter des Münsteraner Universitätsprofessores ist auch der Löwe eher einem älteren Semester zuzuordnen und dieser macht es sich auf dem Boden der philosophischen Denkwerkstatt bequem. Blumenberg, erst von Furcht und einem unheimlichen Gefühl erfasst, sammelt sich rasch wieder und sieht in dem Löwen Gelassenheit und Stärke, was schnell auf ihn abfärbt. Für Blumenberg ist dieser Löwe, nur für ihn gesandt und sichtbar, eine persönliche Auszeichnung, ähnlich einem Lorbeerkranz für den gekrönten Dichter. Auch in seinen Vorlesungen lässt sich der Löwe blicken und in diesem Kontext werden desweiteren die Schicksale einiger Münsteraner Studierenden miteinander verzahnt.

Blumenberg, stets ein Anhänger des Wundersamen und Mythischen, erklärt sich das Auftauchen des Löwen nicht als eine Illusion, nicht als eine verdrehtes Spiel seiner Wahrnehmung, sondern sieht den König der Tiere als von außen kommend – Der gelbe Geselle gehört nicht ihm, der lungernde Löwe ist ihm als Auszeichnung geschickt. Er erscheint wann er will, ob während der Vorlesung, auf der Rücksitzbank seines Autos oder im Arbeitszimmer. Zu Anfang fragt der Philosoph sich zwar, ob es sich nicht um einen Streich seiner Studenten handeln könnte, verwirft diese Überlegung jedoch schnell wieder. Doch insgeheimt fragt man sich, wofür dieser Löwe steht, welchen Sinn Sibylle Lewitscharoff dem Erscheinen dieses Wesens überordnet. Nur der Münsteraner Philosoph kann ihn sehen, die gelbe Großkatze scheint jedoch auch auf die Schicksale seiner Studenten Einfluss zu nehmen.

Da ist zum einen die Studentin Isa, die sich in den alten Blumenberg verliebt, seine Werke und Schriften liebt. In Gedanken ist sie oft bei dem alten Philosophen, scheinbar verliert sie sich in einer Parallelwelt, in der sie mit einem selbsterdachten Blumenberg ihre Zeit verbringt. In Wirklichkeit hat sie mit ihm noch nicht ein Wort gewechselt. Ihr Freund Gerhard Optatus Baur, ebenfalls Student der Universität Münster, nimmt diese Veränderung an Isa wahr, misst dieser jedoch keinen größeren Stellenwert bei. Isa eben.

Dann kommt der Schock. Isa stürzt sich eines Nachts von einer Brücke in den Freitod. Die Geschichte dieser Figur, beendet Lewitscharoff mit dem Suizid. Man rechnet mit allem, nur nicht damit. Diese Wendung kommt unvorhergesehen. Sie passt so gar nicht in den positiven, hellen, spracheleganten Unterton, den dieser Roman doch mitbringt. Hat der Löwe etwa eine negative Aura? Desweitern erhält man im Roman Ausblick auf den Tod Gerhards. Ein weiterer Kommilitone reist nach Südamerika, bereist den Amazonas und spürt die pure Freiheit, ehe er in einer Seitengasse durch einen Messerstich ins Jenseits befördert wird. Ab der Mitte dieses Romans beschleicht einen der Gedanke, dass jede Figur ihr Ende finden wird – oder zumindest ihr Lebensende besiegelt wird. Dieser Gedanke ist korrekt. Trotzdem schlägt der Erzählton niemals ins melodramatische oder traurige um, der Tod gehört einfach dazu, zum Leben.

Handelt es sich bei dem Löwen um einen menschenfressenden Nemëischen Löwen, der die Leben in seinem Umkreis absorbiert? Hat das Auftauchen des Löwen etwas mit den Toden zu tun? Es würde vielleicht die Interpretation der erlöschenden Lebensflammen erleichtern.

Eines tut Sibylle Lewitscharoff ganz sicher nicht in diesem, ihrem, Werk: Sie lässt sich nicht in die Karten schauen, eine einfach Erklärung für das Löwenmotiv gibt es nicht. Das Gespräch mit einem Rebhuhn am Ende des Buches in einer Zwischenwelt oder einem Panther im südamerikanischen Dschungel schaffen auch nur mäßige Klarheit. Dieses Buch ist angenehm und sprachlich schön zu lesen, Lewitscharoff´s Sprache ist frisch und ihr Wortschatz reich. Lesetechnisch ist dieses Buch ein Genuss an Sprache und an Wörtern.

Am Ende des Romans berührt Blumenberg seinen Löwen, was er sich vorher nicht getraut hat, und merkt, dass dieser „allein für ihn da ist“. Großkatze und Philosoph im Vertrauen vereint, auf dem Weg in das Jenseits, oder wer weiß, vielleicht sogar in den Himmel für besondere Menschen und Philosophen.

Sibylle Lewitscharoff
Blumenberg
Suhrkamp Verlag
21,90 Euro