Ein ungleiches Paar

Von Hannah Deininger (11. November 2020)


Im Januar 2020 hat Vanessa Springora mit ihrem autobiographischen Roman Die Einwilligung die internationale Literaturwelt ins Wanken gebracht. Denn in diesem Roman erzählt die Autorin von ihrer Liebesbeziehung zu dem bekannten französischem Autoren G. M. - zunächst einmal nicht ungewöhnlich, lässt man außer Acht, dass Springora zu Beginn der Beziehung gerade einmal 13 Jahre alt war, der Schriftsteller aber ein erwachsener Mann. Und damit beginnt die Geschichte anders zu werden.

Beginnend mit ihrer persönlichen Kindheitsgeschichte und einer Beschreibung der kulturellen Kreise, in denen sie sich mit ihrer Mutter bewegte, zeigt die Autorin, wie diese Art der Beziehung möglich, wie die Idee einer Beziehung zu einem fast vier Jahrzehnte älterem Mann schließlich schlüssig wurde. Der Zeitgeist und das Künstlermilieu machten es dem Schriftsteller leicht. Sie beschreibt das Werben des Älteren um die Jugendliche, von allen gesehen, von niemandem weiter beachtet, die Beziehung dieses ungleichen Paares, sowie all ihre Versuche sich wieder von ihm zu lösen. Auch als die fatale Beziehung schon lange beendet ist, entlässt G. M. Springora nicht aus seinen Fängen: Vollkommen überhöht beschreibt er ihre Beziehung in seinen Büchern, die schließlich auch noch mit einem Literaturpreis ausgezeichnet werden. Immer wieder schildert Springora das Machtgefälle zwischen ihr und G. M., was er genießt und sie schließlich aufbegehren lässt. Daraus ist dieses Buch entstanden – Vanessa Springora erzählt ihre Seite der Geschichte. Und diese Seite muss unbedingt gehört werden.

Ja heißt ja?

Schon mit dem ersten Satz wird klar, dass ein Nicht-Eingehen der Beziehung mit G. M. für die junge Vanessa nicht möglich war. Geschickt hat er sich ein junges Mädchen ausgesucht, was – in seiner Unsicherheit und seinem Geltungsbedürfnis - empfänglich war für sein manipulatives Werben, wo das soziale Umfeld nicht so genau hingeschaut hat. Springora gelingt es in ihrem Roman eine dichte, fast getriebene Atmosphäre zu erzeugen. Die sexuelle Beziehung beschreibt sie sachlich, fast schon emotionslos. Trotz ihrer (oberflächlich nicht erzwungenen) Einwilligung hat Springora ein Stück ihrer Jugend verloren, ein Trauma erlitten. Zwangsläufig muss sich der:die Leser:in die Frage stellen, ob eine Einwilligung in eine Beziehung mit einem solchen Machtgefälle, beeinflusst von Manipulation und Schuldgefühlen, von einem Teenager getroffen werden kann. Am Ende des Buchs ist man wie erschlagen von der narzisstischen Selbstverherrlichung, mit der G. M. sein Handeln als etwas Gutes darstellt, und von dem Gefühl der Machtlosigkeit, weil offen gelebte Pädophilie nicht mit Konsequenzen geahndet, sondern sogar ausgezeichnet wurde. Aber ein bisschen Hoffnung macht das Buch auch. Vanessa Springora hat ihre Stimme erhoben – und endlich folgten die Konsequenzen. Bleibt zu hoffen, dass in Zukunft kein Nummer-1-Beststeller mehr dafür nötig ist.



Hannah Deininger
Vanessa Springora
Die Einwilligung
Blessing Verglag 2020
176 Seiten
20,00 Euro