Befreie mich

Von Paula Heidenfelder (11. November 2020)


Christielle Dabos hat mit Im Sturm der Echos ein famos konzipiertes Finale der Die Spiegelreisende-Saga erschaffen. Ein letztes Mal haben die LeserInnen die Chance, zusammen mit Ophelia, Thorn und weiteren komplexen Charakteren, die Identität von Gott sowie dem Anderen an die Oberfläche zu bringen, wobei der Einsturz von bewohnten Archen und die drohende Apokalypse verhindert werden muss.

„Wo begann Eulalias Erinnerung und wo endete ihre eigene? Wie sollte sie ihren Platz in der Gegenwart finden, wenn ihre Vergangenheit ein einziges Puzzle war? Wie an die Zukunft denken, während die Welt unterging? Und wie konnte sie sich frei fühlen, wenn sie dazu bestimmt war, den Weg des Anderen wieder zu kreuzen?“

Wer ist Gott? Wer ist der Andere? Mit diesen Fragen sind die Figuren der Saga seit dem letzten Band konkreter konfrontiert. Ophelia und Thorn befinden sich weiterhin auf der Arche Babel, welche von einem gravierenden Einsturz eines Viertels mitsamt der BewohnerInnen betroffen ist, sodass eine apokalyptische Atmosphäre auf der Arche, aber auch zahlreichen anderen, vorherrscht. Überwachung und Verantwortung spielen wichtige Rollen im Roman, wobei sich dies sowohl auf die Protagonistin als auch Babelier, weitere ArchenbewohnerInnen und den Anderen selbst bezieht. Das Rätsel der Echos, die überhaupt nicht existieren dürften, da sie sich nicht auf der üblichen Wellenlänge bewegen und nur von technischen Geräten wahrgenommen werden, ist gefährlich, doch trotzdem begibt sich Ophelia in das Beobachtungsinstitut Babels, indem Experimente und Tests an Verdrehten vorgenommen werden, um Antworten zu finden. Auch Archibald, Gwenael und die Hülle Reineckes sind auf der Suche nach Wahrheiten, die sie auf der Arche Erdenbogen zu finden hoffen. Ophelia empfängt währenddessen Visionen mit Fragmente aus Eulalia Gorts Vergangenheit, wobei sich immer weitere Fragen, aber auch deren Auflösung auftun. Zusammen mit Thorn versucht sie die Apokalypse zu verhindern, begibt sich in verdrehte Gefahren, bei denen sie hinter das dahinter blicken muss und versucht das „Andere“ zu verstehen, wobei sie ihr eigenes finden muss, ohne sich darin zu verlieren.

„Die Zukunft würde erweisen, wer hier wem in die Falle gegangen war.“

Der vierte Teil der Reihe beginnt mit einer kurzen Zusammenfassung des dritten Bandes und einem ausführlichen Personenverzeichnis von Charlène Lefort, bei dem Hintergrundwissen und Charaktereigenschaften offengelegt werden. Zudem sind die Kapitel des Finales von mehreren Sichten aus geschrieben, darunter Thorn, Viktoria, der Andere und natürlich die verdrehte Protagonistin Ophelia. Erfrischend ist außerdem, dass sich Thorn und Ophelia direkt Fragen stellen, die den LeserInnen ebenfalls aufkommen, sodass die Distanz zwischen Figur und LeserIn verringert wird. Die Beziehung der Eheleute ist zum ersten Mal aufrichtig und auch die Kommunikation der beiden intimer als in den vorherigen Bänden.

„Ein Schritt. SÜHNE.
Ein Schritt. KRISTALLISATION.
Ein Schritt. ERLÖSUNG.“

Der außergewöhnliche Schreibstil Dabos wird seiner selbst in diesem Teil bis zum Äußeren gerecht. Bereits die vorhergehenden Bände zeichnen sich durch formale, inhaltliche und syntaktische Einzigartigkeiten aus, welche unter wunderschönen Covern schlummern. In diesem Roman verwissenschaftlicht sich die Sprache an mancher Stelle so sehr, dass man an seine/ihre fantastische Vorstellungskraft stoßen kann. Wörter und ganze Sätze passen sich zudem verworren an die jeweilige ErzählerInnenperspektive an. Dies führt bei der hervorragend konzipierten Storyline jedoch zu keinem Abbruch des Spannungsverlaufs, der sich mal stark und selten schwächer durch die Handlungsstränge zieht. Hierbei ist die großartige Arbeit der Übersetzerin Amelie Thoma zu loben, welche mit Präzision an diesem Werk gearbeitet hat. Einige Stellen sind langwieriger als andere, aber wenn man einmal im Lesefluss drinsteckt, fliegen die Seiten nur so dahin.

„Worte, Echos und eine Gegenleistung.“

Im Sturm der Echos reißt die LeserInnen zum letzten Mal in eine fantastische Welt, in der so viel mehr unter der Fassade schlummert, als es zu Beginn den Anschein hat. 



Christelle Dabos
Die Spiegelreisende – Im Sturm der Echos
Aus dem Französischen von Amelie Thoma
Insel Verlag 2020
612 Seiten
18,00 Euro