Ist die Würde des Menschen unantastbar?

Von Vanessa Peter (17. November 2020)




„Wenn meine Bücher eine Bedeutung haben, dann liegt sie darin, dass sie versuchen, die Würde des Menschen zu verteidigen."
 

Seitdem ich GOTT. Ein Theaterstück gelesen habe, kreisen meine Gedanken um das Verhältnis der menschlichen Würde in unserer heutigen Gesellschaft. Ferdinand von Schirach zieht in seinem neuesten Drama zurecht die Gesellschaft zur Diskussion heran und hat sogar meine eigene Denkweise, über die Freiheit des menschlichen Wesens, auf den Kopf gestellt.
Das Stück repräsentiert einen 78-jährigen, freiberuflichen Architekten, der nach dem tragischen Tod seiner Frau, trotz gesundheitlicher Vitalität und geistiger Klarheit, den Selbstmord als letzten Lebensakt wählt. Ohne Lebenssinn will Richard Gärtner sein Recht auf Sterbehilfe einfordern, was zu einem öffentlichen Symposium über die Autonomie des Menschen führt.

Soll also ein Arzt die Möglichkeit von Hilfeleistung beim Selbstmord bieten können?

Vermutlich entstand aus dieser Fragestellung die zündende Idee zu diesem Zwei-Akter, einer realistischen Aufführung in Form einer modernen Debatte, die den Effekt einer Verhandlung über die menschliche Würde projiziert.

Nicht ohne Grund beginnt deshalb das 90-minütige Theaterstück mit folgendem Zitat des französischen Dichters Albert Camus (Der Mythos des Sisyphos): „Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord.“

Insofern wurde der Geist der Wortkunst von GOTT. Ein Theaterstück treffend vorweggenommen, da jedes Individuum dazu angeregt sein sollte, sich durch den ethisch, philosophisch geführten Diskurs, sich der neugewonnen Fakten und Wahrheiten über Selbstmord bewusst zu werden und liberal über die „Beihilfe-Frage“ zu entscheiden.
Die Zuschauer sind als „deutscher Ethikrat“ indirekt in das Stück mit eingebunden, indem sie die Möglichkeit erhalten, durch eine Abstimmung zu Beginn des zweiten Akts ein demokratisches Urteil fällen zu können.
Eindringlich bringt damit der Dramatiker seine Intuition dem:der Zuschauer:in und Leser:in näher. Erfahrungsgemäß kann man nur selbst über Selbstmord urteilen, wenn man sich eigene Gedanken dazu bildet. Man kann also nicht die eigene Entscheidung auf die rechtliche abwälzen, da man vorerst über die Würde des Menschen meditieren muss. Erst dann kann ein Urteil gefällt werden. Deshalb überzeugt Ferdinand von Schirach mittels Pragmatismus und einem breiten Wissensspektrum, von seiner Spannung kreierende Erzähltechnik.

Neben Terror (2014) und Die Würde des Menschen ist antastbar (2015) ist GOTT. Ein Theaterstück eines seiner aktuellsten Werke.



Ferdinand von Schirach
GOTT. Ein Theaterstück
Luchterhand 2020
160 Seiten
18,00 Euro