Du sitzt da und bist ein Wunder

Von Florian Grobbel (19. November 2020)


Vielleicht ist es das Buch der Stunde. Kurz vor dem Ausbruch einer weltweiten Pandemie, in der sich ein jeder plötzlich seiner eigenen Körperlichkeit bewusst wird, erscheint Eine kurze Geschichte des menschlichen Körpers von Bill Bryson, dem Meister der simplen Erklärungen. Ein Buch, das einem die Möglichkeit gibt, sich nicht nur der Verletzlichkeit des eigenen Selbst bewusst zu machen, sondern auch um einen Moment inne zu halten und sich zu freuen, was für ein großartiges biologisches Meisterwerk wir doch sind.

In 23 Kapiteln nimmt uns Bryson mit auf eine Reise durch den gesamten Organismus und weit darüber hinaus. Mit einem sinnenhaften Aufbau werden so kleine Wissenshappen von jeweils etwa 25 Seiten vermittelt. Los geht es mit einer einführenden Bauanleitung für den Menschen und der gedankenspielerischen Frage, wieviel Geld man für alle chemischen Stoffe aufbringen müsste, um sich einen Benedict Cumberbatch zu basteln. Weiter führt uns der Autor durch die einzelnen Organe, das Blut und das Immunsystem, kommt am Schluss auf die Wirkungsweise von Krebs zu sprechen und endet schließlich mit dem Tod.

Zu großen Teilen ist diese Lektüre anregend und unterhaltsam. Bill Bryson ist selbst kein studierter Mediziner und eignete sich alles durch Recherche und Expertenbefragung selbst an – eben aus der Perspektive eines einfachen neugierigen Mannes, der wissen will, wie er funktioniert. Das macht sein Buch unglaublich sympathisch und spannend. Die Erklärungen sind simpel und veranlassen einen immer wieder zum Staunen. Es ist interessant, sich dann und wann beim Lesen selbst zu beobachten und für einen kurzen Moment zu begreifen: „Das bist du!“. Beim Kapitel über Muskeln zuckt man bewusst kurz mit dem kleinen Finger und realisiert, welch meisterliche Leistung diese banale Handbewegung doch eigentlich ist. Genauso lohnt es sich, einmal tief durchzuatmen, wenn die Funktionsweise der Lunge erklärt wird und für einen kurzen Moment, glaubt man dieses Wunder des Lebens verstanden zu haben, doch eine Unbegreiflichkeit für das eigene Selbst bleibt dabei (zum Glück) immer noch bestehen.

Dazu gibt es auch unterhaltsame Anekdoten zu Durchbrüchen der Medizingeschichte. Die Rede ist beispielsweise vom ersten Kriminalfall, der durch die Analyse von Fingerabdrücken gelöst wurde oder auch von den großartigen Erkenntnissen über den Magen, die wir einem unvorsichtigen Amerikaner zu verdanken haben, dem ein Loch in den Bauch geschossen wurde. Der Mann überlebte und wurde zum vertraglichen Versuchsobjekt eines Arztes, der allerlei Dinge an Seidenfäden durch das Loch in den Bauchraum baumeln ließ. An anderer Stelle wird über Ärztinnen und Ärzte aufgeklärt, denen ihre bahnbrechenden Erfolge verkannt wurden oder die wichtige Erkenntnisse über lebensbedrohliche Krankheiten lieferten und schicksalshaft kurz darauf, selbst daran starben.

Brysons Buch ist selbstverständlich populärwissenschaftlicher Natur und im wörtlichen Sinne eine kurze Geschichte des menschlichen Körpers. Die Welt der Medizin ist zu komplex, als dass man sie auf 600 Seiten darlegen könnte und mit Sicherheit gäbe es an vielen Aussagen Brysons erheblichen Widerspruch, der auf seinen sehr plakativen und manchmal zu einfachen Stil zurückzuführen ist. Gelegentlich verliert sich der Autor in Zahlen, die sich kein Gehirn länger als eine halbe Stunde merken kann oder setzt den Fokus zu sehr auf möglichst extreme oder ulkige Beispiele, wo es manchmal gar nicht nötig wäre. Beispielsweise ist im Kapitel über Krankheiten die Rede von einer sehr seltenen parasitären Erkrankung, bei der sich tropische Würmer unter die Haut setzen und dort bis zu einem Meter Länge anwachsen. Das ist, wie gesagt, sehr plakativ. Die weniger drastische, dafür aber umso spannendere und alltäglichere Erklärung, was bei einer stinknormalen Erkältung passiert, bleibt in diesem Kapitel leider aus.

Dennoch ist diese Geschichte des menschlichen Körpers lesenswert und verspricht einige Aha-Erlebnisse, die man mit Freunden und Verwandten teilen kann. Ein weiterer großer Gewinn, den Brysons Buch bringt, ist der Appell, seinem eigenen Körper endlich einmal dem Respekt entgegenzubringen, den er verdient.



Bill Bryson
Eine kurze Geschichte des menschlichen Körpers
Goldmann 2020
672 Seiten
24,00 Euro