Wer möchten wir sein?

Von Janet Ghotoyian (25. November 2020)


Die Freundinnen Hannah, Cate und Lissa haben mit zwanzig in einer WG in London gelebt und steckten voller Pläne für die Zukunft. Jetzt mit Mitte dreißig stehen sie an ganz unterschiedlichen Punkten ihres Lebens. Hannah wünscht sich sehnlichst ein Kind, was ihre Ehe zu Nathan auf die Probe stellt. Cate ist nach der Geburt ihres Kindes mit ihrem Mann nach Canterbury gezogen. Doch statt Mutterglück verspürt sie eine immer größer werdende Leere. Lissa scheint nach einer schwierigen Beziehung endlich ihrem Traum einer Schauspielkarriere näherzukommen.

Mit Mitte 30 auf der Suche nach sich selbst

Was wir sind zeigt anhand der drei unterschiedlichen Frauen, dass wir wohl nie einen Punkt im Leben erreichen, an dem wir komplett angekommen sind. Während einem mit zwanzig die Zukunft noch offen steht, sieht es mit Mitte dreißig anders aus, doch das bedeutet nicht, dass man dann auch glücklich ist. So könnte Hannah mit ihrer Ehe und ihrem guten Job eigentlich zufrieden sein, doch der unerfüllte Kinderwunsch überschattet alles. Cate, die ein glückliches Familienleben haben könnte, beginnt auf einmal in der Vergangenheit zu wühlen, weil sie das Gefühl hat sich selbst zu verlieren. Und anhand von Lissas fehlendem Ruhm wird sehr deutlich, wie schnell man nach naiven Träumereien in der Realität landet. Anna Hope kommt ihren Figuren so nah wie nur wenige Autoren ihren Charakteren und verschönigt nichts. Dadurch wirkt das Buch sehr echt und geht unter die Haut. Es ist fast schon bedrückend von den ausbleibenden Happy-Ends zu lesen, die man sonst gewohnt ist. Anna Hope knüpft an das Später an. Sie zeigt, dass nach einer Hochzeit immer noch Beziehungsprobleme bestehen können und ein Uniabschluss nicht sofort der Beginn einer großen Karriere bedeuten muss. Auch die Freundschaft der drei wird auf die Probe gestellt, denn trotz dieser vergleichen sich die Frauen miteinander, was ihnen nicht guttut. Letztendlich begleitet man die Frauen auf der Suche nach sich selbst, nachdem sie dabei sind, sich zu verlieren. Dabei wird man dazu angeregt über sein eigenes Leben und seine Ziele nachzudenken. Anna Hope bietet mit Was wir sind somit eine Echtheit, die man in nur wenigen Büchern findet und beschäftigt sich dabei mit den sensibelsten Fragen des Älterwerdens.



Anna Hope
Was wir sind
Aus dem Englischen von Eva Bonné
Hanser Verlag 2020
368 Seiten
22,00 Euro