Der Mensch lebt 50 Jahre

Von Hannah Deininger (28. Dezember 2020)

Soichiro Kaji, 49 Jahre, ist ein vorbildlicher Polizist: Seit mehr als 30 Jahren im Dienst, Ausbildungsleiter an der Polizeischule, ausgezeichneter Ruf. Bis er sich eines Morgens bei der Kriminalpolizei selbst anzeigt – er habe seine an Alzheimer erkranke Ehefrau Keiko erwürgt. Zunächst scheint der Fall eindeutig, da der Tatverdächtige ein vollständiges Geständnis zum Tathergang ablegt. Doch Kaji hat sich erst zwei Tage nach der Tat gestellt und zu diesem Zeitraum schweigt er beharrlich. Kriminalkommissar Kazumasa Shiki und Staatsanwalt Morio Sase ermitteln auf eigene Faust weiter und entdecken in Kajis Wohnung eine Kalligrafie: Der Mensch lebt 50 Jahre. Es scheint, als wolle sich Kaji mit 50 Jahren das Leben nehmen. Aber warum ausgerechnet dann?

Einer, der schweigt und viele, die ihn schützen wollen

Hideo Yokoyama gelingt es mit seinem Werk 50 einen hochspannenden Kriminalroman der anderen Art vorzulegen. Von Anfang an ist bekannt, wer der Täter ist; spannend wird die Geschichte durch das Schweigen des Täters zu den zwei zwischen dem Mord und der Selbstanzeige liegenden Tagen. Die drängende Frage, was Kaji an diesen Tagen gemacht hat, lässt nicht nur die Leserin, sondern auch sechs Personen, die mit dem Fall in Berührung kommen, nicht zur Ruhe kommen. Aus Perspektive dieser sechs unterschiedlichen Personen beschreibt Yokoyama die Geschichte eines Mannes, den alle als gütig und ehrlich wahrnehmen, zu dem ein Mord so gar nicht zu passen scheint. Dieser Mann rührt in ihnen allen etwas an, sodass sie unbedingt einen möglichen Selbstmord verhindern wollen. Besonders wird das Leseerlebnis auch dadurch, dass nie die Perspektive des Betroffenen Kaji selbst eingenommen wird. Was er denkt und fühlt bleibt den Protagonisten, genauso wie dem*der Leser*in ein Rätsel. Das erzeugt Spannung bis zur letzten Seite. Außerdem erwähnenswert ist der interessante Einblick in die japanische Kultur, den das Buch dazu nebenbei vermittelt. So lernt man die strukturelle Organisation von Polizei und Staatsanwaltschaft, die Aufteilung in Regierungsbezirke sowie einiges über das soziale Leben in Japan kennen. Zudem ist es gerade als Europäerin faszinierend, was für einen großen Stellenwert Ehre und Ehrgefühl einer Gesellschaft und persönlichem Handeln einnehmen.

Alles in allem liefert Yokoyama keinen klassischen Krimi, aber dennoch einen sehr spannenden Roman, der an dieser Stelle klar empfohlen werden kann!



Hideo Yokoyama
50
Atrium Verlag 2020
352 Seiten
22,00 Euro