Ein Theater der Kunst

Von Paula Heidenfelder (07. Januar 2021)


Leah Haydens Miss Guggenheim ist der Reihe Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe zuzuordnen, bei der sich jedes Buch einer anderen Protagonistin widmet, die mit verschiedenen Künsten und KünstlerInnen in Verbindung steht. Im Roman treffen die LeserInnen auf die Hauptfigur und Galeristin Peggy Guggenheim, den Künstler Max Ernst, verschiedene Kunstwerke und -richtungen der abstrakten und ‚entarteten‘ Kunst zu der Zeit des Zweiten Weltkriegs sowie zahlreiche Namen aus der Welt der Kunst. Dass Peggy Guggenheim Kunst lebt, steht im Zusammenhang mit den zentralen Themen des Widerstandes, des Durchbruchs und der Liebe.

„Es ist wie eine Sucht. Wenn ich ein Bild oder eine Skulptur sehe, die mir gefällt, muss ich sie einfach haben.“

Die Geschichte beginnt 1958 in Venedig, wobei Leah Hayden Peggy Guggenheim als „l’ultima dogaressa“ einführt. Durch ein Gemälde des Künstlers Max Ernst werden die LeserInnen in das Jahr 1941 versetzt, in dem die Liebe zwischen Guggenheim und Ernst aufblüht sowie die Handlung pittoresk vorangetrieben wird. Die Ausreise von Europa in die Stadt New York befüllt das erste Viertel des Buches, wobei Probleme mit der Einreise Max Ernst angeschnitten sowie die Aufregung der Überquerung des Atlantiks mitsamt einer ausgeprägten Kunstsammlung behandelt werden.

„Sogenannte ‚entartete Kunst‘ zu verstecken ist kein Kavaliersdelikt.“

In New York angekommen, treffen die RezipientInnen bald auf zahlreiche Namen der Kunstszene, wobei der Gruppe an Surrealisten und Avantgardisten eine große Bedeutung zuteilwird. Hierbei lernen die LeserInnen Freunde und Bekannte in Peggy Guggenheims nahem Umfeld kennen, mit denen sie in Amerika und später auch in Venedig, in Kontakt steht. In erster Linie möchte Miss Guggenheim in New York einen Katalog für ihre Sammlung entwerfen und Räumlichkeiten für ihre Kunstschätze finden, sodass diese der gesamten Öffentlichkeit zugänglich werden.
Die vielseitige Protagonistin entpuppt sich im Roman als ständig Suchende – nach Kunst sowie der Liebe. Deshalb ist es nicht verblüffend, dass in diesem Buch eine mutige Frau gezeichnet ist, die sich gegen Konventionen stellt und Kunst lebt. Zusammen mit Affären sowie dem Versuch der Ehe wird eine Liebesgeschichte erzählt, in der Peggy Guggenheim nicht auf ihre Rolle als Frau marginalisiert, sondern als treibende Kraft und revolutionäre Persönlichkeit beschrieben wird.

„Ein richtiges Museum, eigenständig, unabhängig, für ihre Sammlung, aber vielleicht auch für mehr?“

Zeitsprünge verhelfen der Geschichte zu berührenden Rückblenden der Protagonistin in eine aufwühlende Zeit, in der tagtäglich lebensverändernde Ereignisse passieren können. Zudem setzen die detaillierten Beschreibungen von Architektur, Farben und Kunstobjekten einen ästhetischen Akzent im Roman, welcher durch die Nennung von zahlreichen KünstlerInnen des Surrealismus (u.a. Kunstrichtungen) ergänzt ist.

„Du willst, dass Kunst laut ist?“ – „Natürlich! Sie muss nach dem Betrachter greifen, ihn verwirren, berühren, beleidigen.“

Miss Guggenheim besticht durch einen flüssigen Schreibstil Leah Haydens, wobei die Figuren teilweise mit Worten spielen, sodass deren in Einklang mit Kunst eine große Rolle zugeordnet ist. Die Liebesgeschichte im Werk taucht immer wieder auf, steht jedoch nicht allein im Zentrum, sodass der Schaffenskraft Guggenheims sowie Kritik an der damaligen Kunstszene, mit marginalisierter Betrachtung von Künstlerinnen und dem Feststecken in alten Mustern, Raum gelassen wird.



Leah Hayden
Miss Guggenheim
Aufbau Verlag 2020
480 Seiten
12,99 Euro