Guck guck, wer wohnt denn da? Entdeckungsreise mit dem kleinen Braunbären

Von Jasmin Wieland (08. Januar 2021)


Britta Teckentrups und Patricia Hegartys Bilderbuch Zuhause. Wie die Tiere leben ist kein Bilderbuch wie jedes andere. Das zeigt bereits der Einband. Sofort fällt das Guckloch ins Auge, indem sich liebevoll illustriert der kleine Braunbär und der große Braunbär schnauzküssen. Gleichzeitig verzaubert der außergewöhnliche illustrative Stil. Und dann wäre da ja noch die Haptik des Buches, eine raue Oberfläche, die an einen Waldboden erinnert – uneben, mit Profil, einem Barfußpfad gleich – und die einem unmittelbar ein Gespür dafür gibt, was einen erwartet: Eine unglaublich aufregende und lebendige Entdeckungsreise.

Den Abenteuercharakter erhält das Bilderbuch im Wesentlichen durch die Guckloch-Gestaltung. Bereits auf der ersten Seite packt einen das Gefühl, auf die letzte schauen zu können. Dabei wird man natürlich neugierig. Was sich wohl dahinter verbergen mag? Je nach Seitengestaltung wird durch die Gucklöcher nicht nur ein Teil der Folgeseite sichtbar, oftmals erhascht man bereits ein Detail der übernächsten Seite. Dies verleiht dem Bilderbuch eine ganz eigene Dynamik sowie eine buchstäbliche Tiefe, die eine Magie des Geheimnisvollen kreiert und überdies Neugierde weckt. Auf kindliche, spielerische Weise wird man so selbst zum kleinen Braunbären, der bereits eine Fährte aufgenommen hat und nun in alles rings um ihn herum hineinschnüffelt, auch wenn das zu Erkundende noch in weiter Ferne liegt. Die Gucklöcher selbst sind in sehr unterschiedlichen Formaten gestaltet: Mal ein Kreis, mal ein eckiger Zwischenraum von Bäumen, mal eine Art aufgehender Mond, in dem eine Küstenseeschwalbe hindurchfliegt. Es ist viel geboten in diesem Bilderbuch. Doch was ist die eigentliche Geschichte?

Zuhause. Wie die Tiere leben, so der Titel. Und auf Seite eins wird die Frage gestellt: „Hast du je daran gedacht, was aus dem Haus ZUHAUSE macht?“. Tolle Frage. Leider folgt die (erste) Antwort unmittelbar, wobei man sich fragt, weshalb sich der kleine Bär – und mit ihm natürlich die großen und kleinen Leser*innen – dann überhaupt noch auf die Entdeckungsreise begibt. Die Antwort wegzulassen, wäre eindeutig die spannendere Variante gewesen! Nichtsdestotrotz tut dies dem Bilderbuch keinen Abbruch, da nicht nur die Guckloch-Gestaltung absolut überzeugt, sondern auch der überaus bescheidene Held des Buchs, der kleine Bär. Er ist kein aufdringlicher Charakter, sondern streift stets ruhig, zufrieden und neugierig durch die Seiten und Landschaften. Mit ihm durchqueren wir Wald und Wiesen und entdecken dabei alle möglichen Behausungen – das des Uhus, das der Hasen, die ordentlich für Wirbel sorgen, das des Rudels der Wölfe, das des Schwarms der Küstenseeschwalben. Und dabei passieren wir nicht nur diverse Lebensräume, wobei der Blick in jegliche Himmelsrichtungen gerichtet wird, sondern auch die vier Jahreszeiten: Vom Ende des Bären-Winterschlafs bis zu dessen Beginn.

Getragen wird diese Entdeckungsreise auch durch die bereits erwähnte, äußerst innovative und kunstvolle Illustration. Die gedeckten, stellenweise pastellen Farben schaffen gemeinsam mit der Collage aus diversen Motiven jene magische Naturwelt, die durch die Gucklöcher ihren ganz eigenen geheimnisvollen Charakter erhält. Auch wenn dieser Bilderreichtum einen an manchen Stellen ein wenig überfordert, so stimmt doch über das Buch hinweg der Gesamteindruck bzw. das Konzept, was die kurzzeitige Überforderung wieder zurechtrückt.

Darüber hinaus glänzt das Bilderbuch auch durch die sprachliche Realisierung. Das Liebevolle und Detaillierte erhält durch die textliche Gestaltung eine naturromantische, poetische Dimension. Durchgängig wird in Paarreimen gereimt: „Welch wundervoll versteckte Welt…die Erde tief verborgen hält“, oder „Schlaf nun ruhig, mein Bärenkind, bis das Jahr erneut beginnt“. Und dann fällt der Schnee. Und der Mond leuchtet. Und der Wolf reckt ebenso den Kopf gen Himmel wie Hirsch und Hirschkuh. Eine Waldlichtung im Panorama der Berge. Wie schön! Und was macht nun ein Zuhause aus? Die (zweite) Antwort lautet: Die Liebe. Schööön! Aber Moment mal? Stimmt das denn eigentlich in Bezug auf das Bilderbuch? Ist es nicht mehr die Gemeinsamkeit, die etwa beim Rudel der Wölfe oder beim Scharm der Küstenseeschwalben betont wird?

Zuhause. Wie die Tiere leben ist ein außergewöhnliches Bilderbuch, das durch seine Natürlichkeit und die wundervollen Farben verzaubert. Der einzige Makel des Buchs ist der Umgang mit der eingangsgestellten Frage nach dem Zuhause. Dies hätte besser noch einmal durchdacht werden sollen. Ansonsten ist das Gesamtkonzept absolut harmonisch und stimmig – von der sprachlichen Gestaltung bis hin zur grafischen Umsetzung, die zwar sehr ambitioniert ist, aber wohlgelingt. Das Bilderbuch ist eine ideale Beschäftigung für lauschige Winterstunden.



Teckentrup & Patricia Hegarty
Zuhause. Wie die Tiere leben.
Aus dem Englischen von Maria Höck
ArsEdition 2020
32 Seiten
15,00 Euro