Willkommen in Herzliche Hölle

Von Hannah Deininger (13. Februar 2021)


Wer in einem Dorf namens „Herzliche Hölle“ aufwächst, wird vermutlich ein bewegtes Leben führen. So wie Shams Hussein, dessen Kindheit und Jugend Abbas Khider in seinem neuen Roman Palast der Miserablen beschreibt. Shams – die Sonne – wächst zusammen mit seiner großen Schwester Quamer im Süden des Irak auf. Schon als Kinder erleben die beiden den ersten Golfkrieg. Die ohnehin schon bettelarmen Südiraker werden hart getroffen, sodass Shams Vater beschließt, in die Hauptstadt Bagdad zu gehen – in der Hoffnung auf ein besseres Leben. In Bagdad angekommen landet die Familie (wie tausende andere) in „hinter dem Damm“. Dort, hinter einer großen Müllhalde, entsteht in diesen Jahren langsam das aus Müll gebaute Blechviertel, später wird es sogar zu einem offiziellen Stadtteil Bagdads. Erfindungsreichtum und ein bisschen Glück halten die Familie über Wasser. Zunächst muss auch Shams als Plastiktütenverkäufer für die Familie mitverdienen, aber dann darf er wieder zur Schule gehen. In den Irrungen und Wirrungen der Pubertät entdeckt er seine Liebe zu Büchern und wird Mitglied im Palast der Miserablen, einer Gruppe von Intellektuellen, die im Verborgenen sogar Regimekritik üben. Natürlich eine gefährliche Sache, in einer Welt, wo alle Wände Ohren haben und niemandem wirklich zu trauen ist.

Saddam und der alltägliche Kampf ums Überleben

In einfacher, dichter Sprache beschreibt Khider den alltäglichen Überlebenskampf, den tausende Iraker unter Saddam Hussein ausfechten mussten. Geprägt ist dieser Alltag von der Willkür der Obrigkeit und Erfindergeist, um dieser zu entgehen. Der Autor schafft es dabei, das Leid als so normal zu beschreiben, dass es tief unter die Haut geht. Der Hass auf die Regierung überträgt sich auf den*die Leser*in, man will aufspringen, den kleinen Shams beschützen und die Regimetreuen allesamt aus dem Weg räumen.

Spannend wird der Roman vor allem durch kurze Einschübe aus der Gegenwart zwischen den Kapitel. Der erwachsene Shams berichtet hier von seinem Leben im irakischen Gefängnis, die Kapitel dazwischen wirken dadurch wie eine Biografie der Hauptperson bis hin zur aktuellen Haftsituation.

Khider, geboren in Bagdad, mittlerweile in Deutschland lebend, hat selbst aufgrund von Regimekritik Haft, Folter und Vertreibung erlebt. Auch dadurch bekommen seine Romane eine drängende Brisanz – autobiographische Erfahrungen schwingen auf jeder Seite mit.

Nach einem recht abrupten und leider sehr offenen Ende wird einem klar, wie wenig man über die Zustände im Irak wusste – und bleibt fassungslos zurück.



Abbas Khider
Palast der Miserablen
Carl Hanser Verlag 2020
319 Seiten
23,00 Euro