„Frauen und Literatur bleiben, was mich betrifft, ungelöste Probleme“

Von Anna Brodmann (31. März 2021)



Der Kampa Verlag bringt mit Ein Zimmer für sich allein von Virginia Woolf einen „feministischen Klassiker“ in neuer sehr hübscher Form zurück in die Läden. Doch, wie es bei den meisten Klassikern ist, zeigt sich bei der Lektüre schnell, dass nicht alles daran großartig war. Und besonders deshalb lohnt sich im Jahr 2021 noch einmal der Blick in ein feministisches Manifest der 1920er Jahre – denn vieles von dem was vor 100 Jahren gefordert wurde steht auch heute noch auf den Plakaten der (weltweiten) Frauenbewegung, vieles andere scheint im Licht des neuen Millenniums auch überholt oder gar problematisch.

„Sind Sie sich dessen bewusst, dass Sie das meistdiskutierte Tier des Universums sind?“

Mein Ziel soll es hier auf keinen Fall sein, all die großartigen, aber weitbekannten Argumente und Punkte Virginia Woolfs nachzuvollziehen. Ich möchte es an dieser Stelle für Leser*innen, die noch nicht das Vergnügen hatten, bei einem kurzen Überblick belassen.
In Ein Zimmer für sich allein, einem Essay gewordenen Vortrag, setzt sich Virginia Woolf in der literarischen Gestalt von Mrs. Gaskell mit der Frage nach Frauen in der Literatur auseinander – oder zumindest behauptet sie das. Denn während sie mit der fesselnden Erzählweise einer erfahrenen Autorin die Universitäten von „Oxbridge“ durchstreift und versucht den Geheimnissen weiblicher Literatur auf den Grund zu gehen, kommt sie immer wieder auf ein ganz grundlegendes Problem zu sprechen: Die Diskriminierung von Frauen in der Gesellschaft der 1920er Jahre. Sie behandelt dabei Themen wie, dass Bücher über Frauen in der Mehrzahl von Männern geschriebenen worden sind, woher der offene oder versteckte Frauenhass vieler männlicher Autoren rührt und dass eine notwendige Bedingung für ein eigenständiges und unabhängiges Leben (der Frau) ein Mindestmaß an ökonomischem und sozialem Kapital ist. Vor allem zur Illustration des letzten Punktes erzählt sie kurz, aber umso wirkmächtiger, die Geschichte der fiktiven Schwester Shakespeares, die sich, genau wie ihr Bruder, als Künstlerin verdingt machen wollte, und an den gläsernen Decken der Gesellschaft zerbrach.

 „Man kann nicht gut denken, gut lieben, gut schlafen, wenn man nicht gut gegessen hat. Das Licht in der Wirbelsäule leuchtet nicht mit Rund und Backpflaumen.“

All diesen Themen könnten, in etwas abgewandelter Form, auf den Themenlisten der Debattierklubs der 21. Jahrhunderts stehen und es ist teilweise erschreckend, wie wenig Fortschritt es in Fragen der Emanzipation im vergangenen Jahrhundert gegeben hat. Doch, wie schon angesprochen, gibt es auch einige Punkte, die heute bestenfalls fragwürdig und schlimmstenfalls skurril wirken.        
Da wäre zum Beispiel das Konzept von „Begabung“ und „Genie“, dass besonders in der zweiten Hälfte des Buches einen Großteil der Argumentation durchdringt. Virginia Woolf macht sehr deutlich, dass aus ihren Augen nur jemand mit angeborener „Begabung“ sich Hoffnung darauf machen darf eines Tages Autor*in zu werden. Wer nicht über das nötige Genie verfügt, wer die Welt sieht wie die anderen (offenbar weniger sensiblen) Mitglieder der Menschheit, der ist dazu verdammt stets nur ein Beobachter der Kunst zu sein, aber sollte sich nicht anmaßen durch Übung oder Arbeit seine Fähigkeiten zu schulen. Dieses sehr statische, schon fast deterministische Konzept wirkt im Licht der heutigen Zeit bestenfalls fragwürdig. Schlimmer wird es allerdings, wenn sie herausstellt, dass ein wahres „Genie“ Anteile des „männlichen und weiblichen Gehirns“ in sich vereint und deshalb in der Lage ist „männliche und weibliche Sätze“ zu schreiben.  Diese Teile ihrer Argumentation sind tatsächlich nicht gut gealtert und ein Fortschritt der Emanzipation in den letzten 100 Jahren ist zweifellos, dass sich heute die meisten Menschen darauf verständigen können, dass Männer- und Frauengehirne doch im Großen und Ganzen gleich aufgebaut sind und jede*r die Sätze schreiben kann, die er oder sie möchte – ganz unabhängig vom Geschlecht.

Schreiben Sie Prosa oder richtige Literatur?

Ein letzter Punkt, der durchweg auffällt, ist Woolfs Geringschätzung für Prosa-Literatur. Die Tatsache, dass die wenigen bekannten weiblichen Autorinnen bis dato in Prosa geschrieben haben, veranlasst sie nicht dazu zu sagen, dass diese Form scheinbar eine besonders gut zugängliche Art des Schreibens ist. Ganz im Gegenteil: Prosa scheint für sie eher eine Art „Schreibversuch für Anfänger“ zu sein und die „wahre Literatur“ (Lyrik) ist allein dem schon erwähnten „wahren Genie“ mit „ausgeprägter Begabung“ vorbehalten. (In diesem Zusammenhang muss ich auch kurz erwähnen wie z.T. ungerechtfertigt einige Autorinnen von ihr als talentlos und überbewertet abgetan werden. „Girls support Girls“ sieht anders aus.) Doch zumindest eine Art der Diskriminierung auf dem Buchmarkt haben wir im letzten Jahrhundert überwunden: Kriegsromane sind heute nicht länger angesehener als gefühlvolle Romane (wozu der zweite Weltkrieg vielleicht auch etwas beigetragen hat).

Insgesamt ist Ein Zimmer für sich allein ein weiterhin lesenswerter Klassiker für jeden, der sich mit den Problemen der weiblichen Emanzipation auseinandersetzen will. Besonders diejenigen, die noch nicht hineingeschaut haben, können durch diese Neuauflage eine wirklich hübsche und schöne Ausgabe sichern und sich selbst ein Bild von den Anfängen der feministischen Bewegung machen. Allerdings sollte einiges was in der Argumentation enthalten ist auch immer im Kontext der Entstehungszeit betrachtet werden und man kann einige ihrer Argumente aus heutiger Sicht mit Recht kritisieren. Doch wer die Diskussion und kritische Auseinandersetzung nicht scheut, sollte auf jeden Fall zugreifen.



Virginia Wolf
Ein Zimmer für sich allein
Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Antje Rávik Strubel
Kampa Verlag 2020
192 Seiten
12,00 € (D)