Der geraubte Leser

von Saskia Lackner (24. März 2013)

Wäre es nicht so traurig wahr, könnte man die Machthaber Nordkoreas mit diesen Comic-Bösewichten vergleichen: immer große Pläne – am besten gleich die Weltherrschaft –, nie Gutes im Sinn. Die Testflüge einiger Raketen gingen schief (sofern sie denn überhaupt gestartet werden konnten), weder Ausrüstung des Militärs noch der Stand der Forschung scheint es möglich zu machen, die großspurigen Pläne zu verwirklichen. Dann wurde auch noch von Paraden berichtet, bei denen angemalte Pappraketen bejubelt werden. Alles für den Schein.

Doch Nordkorea ist kein Kinder-Comic. Das weiß man. Es ist ein Land des Unbegreiflichen. Bei den einzigen Einblicken handelt es sich entweder um verzerrtes Propagandamaterial oder um grauenerregende Flüchtlingsberichte, wie Flucht aus Lager 14. Das Verstehen dieses Landes fällt deshalb schwer, egal wie sehr man über die Medien die neusten Entwicklungen verfolgt. Wie lebt es sich, wenn man ständig von Propaganda umgeben ist, wenn Freunde und Verwandte einfach plötzlich verschwinden, wenn man keine Fragen stellen kann und nur Bruchstücke von möglichen Antworten nach draußen dringen. Und bei einem Land der hohen Mauern, hilft die Literatur diese zu überwinden.

Damit er diese Mauern überwinden konnte, hat der amerikanische Autor Adam Johnson vier Jahre gebraucht. Herausgekommen ist ein Buch, dass man trotz des traurigen Themas gerne mit allen möglichen Superlativen beschreiben möchte, weil es einem so mitnimmt und aufwühlt, dass aber auch diese Zuschreibungen einfach nicht ausreichen: Das geraubte Leben des Waisen Jun Do.

Worum geht es? Es geht um das Aufwachsen und den Kampf ums Überleben eines Waisenjungen, der keiner ist. Man folgt dabei nicht nur Jun Do und im zweiten Teil des Buches auch einer anderen Figur, sondern stößt immer wieder auf Kapitel, die reine Propagandadurchsagen sind. Und so gerät man dann in den Wahnsinn, den der nordkoreanische Staat darstellt. Man hört von den Friedenstauben, die dem Geliebten Führer ein wenig Schatten spenden wollen, von Haien, die aus freundschaftlichen Gefühlen zu den Nordkoreanern krebsbekämpfende Kräfte entwickelten, von der „glorreichsten Nation der Welt“.

Dieser glorifizierten Welt gegenüber steht Jun Do und dessen Erlebnisse brechen dem Leser immer wieder das Herz. Der Junge lebt im Waisenhaus Frohe Zukunft. Sein Vater leitet diese Einrichtung, und so nimmt Jun Do eine Sonderstellung ein: Er darf entscheiden, wer wo schläft, wem wann geholfen wird, wer nachts frieren muss. In kalten Wintern kann seine Entscheidung das Leben oder den Tod der anderen bestimmen. Später kidnappt er Japaner und landet darauf auf einem Schiff, wo er mit selbst gebastelten Apparaturen Funkdurchsagen möglicher Feinde mithört. Er ist kein Held, der mit Schild und Schwert gegen die ganzen Ungerechtigkeiten kämpft, er ist zunächst fest im System verankert.

Eine seltsamere Romanfigur kann es eigentlich kaum geben: Ein Junge, der nie gelernt hat, nach dem Warum zu fragen, der nicht erwartet, dass ein anderer ihn sympathisch findet oder sogar liebt. Aber eben das macht ihn als Romanfigur so unendlich spannend. Alles, was von einem Romanhelden erwartet wird, ist er nicht, zumindest im ersten Teil dieses Romans.

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt und immer wieder einfach nur entsetzt – bei einem Buch, welches einen so packt, muss das wohl die Grundstimmung sein. Johnson nimmt einem mit auf eine Reise, die alles andere als schnell vergessen werden kann. Wie gut, dass Literatur selbst über die am unüberwindbarsten Mauern blicken kann.

Adam Johnson
Das geraubte Leben des Waisen Jun Do
Suhrkamp
22,95 Euro