Von Vergebung und Aufeinanderzugehen

Von Hannah Deininger (17. August 2021)


Smadar ist 13 Jahre alt und mit Freundinnen in der Stadt unterwegs, als sie 1997 von palästinensischen Selbstmordattentätern in die Luft gesprengt wird. Zehn Jahre später wird die zehnjährige Abir durch ein Gummigeschoss, abgefeuert von einem israelischen Grenzpolizisten, getötet, als sie sich in der Schulpause Süßigkeiten kauft. Beide Mädchen sind geliebte Kinder, beide sterben sinnlos im Nahostkonflikt. Dieser unbeschreibliche Verlust ihrer Töchter bringt die beiden Männer Bassam Aramin und Rami Elhanan zusammen – der eine Palästinenser, der andere Israeli. Und sie werden Freunde, die unablässig die Geschichte ihrer Töchter erzählen und für Frieden und Vergeben in ihrem gemeinsamen Heimatland kämpfen. Entgegen der durch  die Politik geschürten Angst und Gewalt vor- und gegeneinander, stehen sie für ein Aufeinanderzugehen der beiden Völker. Neben den Lebensgeschichten der beiden Hauptpersonen und ihrer Töchter, lässt McCann historische Begebenheiten in Palästina/Israel und immer wieder Informationen zu Vögeln einfließen. So wird das Buch zu einer bunten Mischung einzelner Textfragmente, die zusammen dennoch ein großes Ganzes ergeben.

Apeirogon: eine zweidimensionale geometrische Form mit einer gegen unendlich gehenden Zahl von Seiten

Nicht nur die Geschichte als solche, auch das Buch selbst ist besonders. Zunächst erscheinen die teilweise nur aus einem Satz bestehenden Kapitel und die vielen Einschübe sonderbar. Der Autor wechselt zwischen einem tiefen Blick hinein in die Welt der Väter, ihre Lebensgeschichten und Sorgen und einer höheren Ebene, auf der er die ganze Historie und Komplexität des Palästinakonflikts entfaltet. Ähnlich wie das Apeirogon – aus der Nähe betrachtet nur Winkel und Ecken, aus der Ferne ein Vieleck mit einer gegen unendlich gehenden Anzahl von Seiten – ist auch der Nahostkonflikt aus der Nähe betrachtet ein Schicksalsgeber für einzelne Menschen, aus der Ferne ein abstrakter Konflikt zwischen zwei Staaten und Völkern. Anhand der beschriebenen Einzelschicksale steht dabei die zeitlose Frage „Wie kann der Mensch Frieden finden?“ immer im Fokus.

Wie die titelgebende Figur Apeirogon ist das Buch selbst symmetrisch – mit 1000 Kapitel von 1-500, von 500-1 – und rahmt so die Lebensgeschichten der Väter ein, die durch ihre toten Töchter zu Friedenskämpfern werden. Der besondere Stil macht das Buch zu einer Herausforderung, die sich aber definitiv lohnt.

Mit Apeirogon ist Column McCann ein wahres Meisterwerk gelungen, ein in Form und Sprache außergewöhnliches Buch. Ausgehend von der persönlichen Geschichte der beiden real existierenden Väter, verwoben mit fiktiven Elementen, schreibt er ein politisches Buch, was zwar keine Lösung parat hat, aber Hoffnung auf Frieden macht.



Colum McCann
Apeirogon
Rowohlt 2020
608 Seiten
25,00 Euro